5. Folge
Tanner hastete die Treppe zur Brücke hoch und schaute kurz zurück. Als er sah, dass sein Kollege Diener folgte, blickte er wieder nach vorne. Er spähte zwischen den zahlreichen, nach Feierabend heimwärts strebenden Menschen nach dem schmächtigen jungen Mann, der den rätselhaften Brief überbracht hatte. Er erblickte ihn, als dieser auf der Kleinbasler Seite des Rheins gerade die Treppe zum Rheinweg hinunter stieg.
"Diener, holen Sie alles aus ihrem Luxuskörper raus", rief er seinem rundlichen Kollegen zu und schlängelte sich, auf alle Seiten Entschuldigungen murmelnd, durch die Fussgänger.
Der Mann erreichte das Ende der Treppe und ging ohne Eile in Richtung Alte Kaserne. Er schien nicht mit einer Verfolgung zu rechnen. Tanner rannte noch schneller, rempelte Passanten an, wich Fahrrädern aus, sprang über einen Kinderwagen. Hinter sich hörte er Diener wie eine Dampfmaschine daherschnaufen. Zusammen erreichten sie die Treppe, glitten förmlich hinunter und liefen hinter dem Flüchtenden her. Erst als sie nur noch wenige Meter hinter ihm waren, bemerkte er sie. Sofort wollte er loslaufen, doch es war zu spät. Diener packte seinen Arm und Tanner legte ihm Handschellen um die mageren Handgelenke. Er protestierte lauthals in einer Fremdsprache. Am Rattern der Worte erkannte Tanner, dass es sich dabei um Spanisch handelte.
"Jetzt beruhigen Sie sich erst einmal, guter Mann", sagte Diener und drehte ihm den Arm auf den Rücken. "Wir wollen nur mit Ihnen reden."
"Ich nix rede. Mich loslasse!", schrie der Mann. Einige Passanten blieben stehen.
"Wir sind von der Polizei", sagte Tanner laut, mehr zu den Umstehenden als zum Gefangenen und klaubte seinen Ausweis aus der Jackentasche. "Hier, sehen Sie, Kriminalpolizei beider Basel. Sie haben uns einen Brief überbracht in dem steht, dass Ihre Freundin alles gesehen hat und nun Angst habe. Und Sie verlangen Hilfe. Aber wir können ihr nur helfen, wenn sie sich bei uns meldet. Oder Sie uns zu ihr führen."
"Darf nicht, sie sonst viel wütend." Er zerrte an den Handschellen.
"Wie sollen wir Ihrer Meinung denn helfen?"
"Weiss nicht." Nun wirkte der Mann nicht mehr wütend, sondern eher unbehaglich. "Sie sage, ich niemand erzähle, aber ich kann nicht beschütze."
"Wir sind die Guten", sagte Diener und lächelte diabolisch. "Können wir sie anrufen?"
"Nein." Der Mann schüttelte entschieden den Kopf,
"Dann rufen Sie an", sagte Tanner. "Machen Sie ihr klar, dass wir mit ihr reden müssen. Nur dann können wir helfen. Sie ist eine wichtige Zeugin für uns, wir müssen unbedingt wissen, was gestern Nacht geschehen ist."
"Sie auch Angst vor Polizei. Wo sie herkomme, Polizei nicht immer gut."
"Oh, keine Sorge", sagte Diener jovial. "Hier in der Schweiz sind wir die Guten. Wenn sie uns hilft, die Täter zu fassen, ist ihr selbst am meisten geholfen."
Der Schmächtige schaute stumm von Tanner zu Diener und wieder zurück. Dann nickte er und hielt Tanner die gefesselten Handgelenke auffordernd hin. Tanner überlegte kurz, ob das ein Trick sein könnte. Entschied sich dann dagegen und schloss die Fesseln auf. "Okay, rufen Sie sie an."
Der Mann zog sein Mobiltelefon aus der Hosentasche, wählte eine Nummer und wartete auf Antwort. Dann liess er einen maschinengewehrartigen Redeschwall los. Aus dem Hörer quäkte es aufgeregt zurück und es entwickelte sich ein lebhaftes Gespräch, von dem Tanner leider nichts verstand. Allmählich beruhigte sich der Tonfall, die Rede wurde langsamer und weicher, und schliesslich nickte der Mann Tanner zu. Dann beendete er das Gespräch.
"Sie wolle spreche", sagte er. "Auf bunte Spielplatz."
Was er mir dem "bunten Spielplatz" gemeint hatte, stellte sich bald heraus. Der junge Mann, der Carlos de Algeziras hiess, führte sie den Oberen Rheinweg aufwärts, unter der Wettsteinbrücke hindurch und dann nach links. Dort befand sich ein mit Spielgeräten aus farbigen Holzstangen ausgestatteter Spielplatz. Von einer der Sitzbänke erhob sich eine junge Frau, als sie die drei Männer kommen sah. Sie war kaum älter als zwanzig Jahre, unauffällig gekleidet und bildhübsch. Wegen ihres olivfarbenen Teints und den tiefschwarzen, langen Haaren tippte Tanne auf eine Herkunft aus Südamerika. Was sich mit der Zeugenaussage des Radfahrers deckte.
Sie stand da, die Arme um den Oberkörper geschlungen und schaute ihnen stumm entgegen. Ihr Freund ging zu ihr, nahm sie in die Arme und redete leise mit ihr. Sie nickte einmal, befreite sich aus seiner Umarmung und kam auf Tanner zu.
"Veronica Vasquez", stellte sie sich ihm ohne Einleitung vor.
"Ich danke Ihnen, dass Sie mit uns reden wollen", antwortete Tanner und zeigte ihr seinen Polizeiausweis. "Wir setzen grosse Hoffnungen in Ihre Aussage."
"Ich habe den Mord gesehen, und auch, wie der andere in den Rhein gestürzt ist. Und ich weiss einen Namen."
"Das ist hochinteressant." Tanner nickte ihr zu. "Sie sprechen ausgezeichnet Deutsch."
"Das ist wichtig in meinem Job."
"Sind Sie Dolmetscherin?", fragte Diener
"Nein", sagte sie und zum ersten Mal lächelte sie ein wenig. "Ich arbeite für einen exklusiven Escort-Service. Man erwartet von uns auch, dass wir uns gepflegt mit unseren Kunden unterhalten können."
"Wurden Sie gestern Abend für einen Kunden gebucht?"
Sie nickte. "Für diesen Schneidewind. Er sollte eine Schwäche für Frauen aus Südamerika haben. Ich wurde von einem Taxi abgeholt und zum Café Spitz gefahren, wo ich drei Männer traf. Sie redeten eine Sprache, die ich nicht verstand, vielleicht Russisch. Zusammen warteten wir auf Herrn Schneidewind. Als er kam, gingen wir nach draussen für einen Spaziergang. Auf der Brücke kam es dann zum Streit."
"Worum ging es dabei", fragte Diener.
"Schneidewind wollte offenbar aus einem Projekt aussteigen. Das hat den Chef der anderen wütend gemacht."
"Trugen Sie gestern einen roten Tanga?", fragte Tanner.
"Der Anführer wollte Schneidewind damit locken und hielt ihn ihm unter die Nase. Er liebe doch diesen Geruch und er könne noch mehr haben, wenn er mitmache."
"Mit "mehr" meinte er Sie?", fragte Diener.
Sie zuckte mit den Schultern "Dafür werde ich bezahlt. Als Schneidewind sich weigerte, haben der Anführer und ein anderer ihn gepackt. Der Dritte hielt mich fest. Er drückte mir den Mund zu ..." Ihre Stimme wurde zu einem Flüstern und sie schlang die Arme wieder um sich. "Ich musste alles mit ansehen"
"Wie man Schneidewind den Tanga in den Mund stopfte und er daran erstickte?"
Sie nickte stumm.
"Wie konnten Sie fliehen?"
"Die Männer warfen den Toten in den Rhein und einer ist dabei selbst abgestürzt. Die anderen wollten ihn noch halten. Da konnte ich mich losreissen."
"Sie sagten, sie wüssten einen Namen?"
"Den des Anführers."
Plötzlich wurde ihm bewusst, wie sehr die Zeit drängte. Ausländer, deren Geschäft geplatzt war, würde sicher nicht länger als unbedingt nötig in Basel bleiben.
"Wir machen Folgendes. Sie nennen mir den Namen des Mannes. Dann begleitet mein Kollege Diener Sie beide in unser Büro, wo er ein Protokoll mit Ihnen macht und für eine sichere Unterkunft sorgt. Ich habe noch etwas anders vor."
"Danke, dass Sie sich nochmals Zeit für mich nehmen, Herr Weibel", sagte Tanner und schüttelte die Hand des Lions-Club-Präsidenten.
"Ich tue alles, damit der Mord an unserem Lions-Freund Schneidewind aufgeklärt werden kann. Nehmen Sie doch Platz." Sie setzten sich in zwei Sessel im ausladenden Büro von Anwalt Weibel.
"Sie sagten, Schneidewind habe eine Aktion vorgeschlagen, die vom Club aber abgelehnt wurde. Worum ging es dabei?"
"Schneidewind hat durch Kontakte in Osteuropa von einem Projekt gehört, das er unterstützungswürdig fand. Es ging um den Aufbau einer Schule für Waisen."
"Das klingt aber eigentlich nicht schlecht."
"Vordergründig gab es auch keinen Anlass zu Misstrauen, umso mehr, als er einen Rotarier aus dem Land als Gewährsmann präsentieren konnte."
"Wo lag dann das Problem?"
"Ich persönlich hatte kein gutes Gefühl bei der Sache. Darum habe ich mich nach dem Rotarier erkundigt - und wurde bestätigt. Es stellte sich heraus, dass der Kontaktmann gar nicht Rotary-Mitglied ist, sondern ein Hochstapler sein muss."







