Treibgut - der Lions Club Krimi von Hans Rudolf Graf
Folge 4
"Lieber Herr Tanner", sagte Jenny Kliebenschädel. "Sie wollten den von mir vermittelten Zeugen doch sicher nicht ohne meine Anwesenheit befragen?"
"Haben wir schon", antwortete Tanner. "Und wir entsprechen damit seinem Wunsch."
"Das ist richtig"; sagte Herr Schwendener. "Brauchen Sie mich noch?"
"Melden Sie sich bitte einen Stock tiefer beim Erkennungsdienst, um in unserem Fotoarchiv zu blättern. Vielleicht erkennen Sie eine der Personen."
"Aber gern", antwortete Schwendener und verliess Tanners Büro.
Die Kliebenschädel starrte Tanner eisig an. "Wenn Sie mich so abspeisen wollen, können Sie sich auf einen gesalzenen Artikel im BLATT ..."
"Wer will Sie denn abspeisen?", unterbrach er sie. "Sie dürfen uns sogar bei unserem nächsten Ermittlungsschritt begleiten. Wir vollziehen den Weg der Leiche bis zum Fundort nach. Haben Sie Schwimmzeug dabei?" Er zwinkerte Diener zu.
"Schwimmzeug?" Die Augen der Reporterin waren kugelrund.
Eine halbe Stunde später standen die beiden Polizisten in Badehosen am St. Alban Rheinweg, bereit, ins kühle Rheinwasser zu steigen.
"Davon landet aber kein Foto in Ihrer Zeitung", sagte der rundliche Peter Diener, tätschelte seinen stattlichen Bauch und drohte der Reporterin mit dem Zeigefinger.
"Das wäre seelische Grausamkeit gegenüber unseren Lesern", antwortete sie kühl und richtete ihren wütenden Blick auf Tanner. "Das ist ein Affront gegenüber der freien Presse. Erst soll ich scheinbar an ihrer Arbeit teilhaben können und dann lassen Sie mich hier stehen."
"Ich konnte ja nicht wissen, dass Sie Ihre grosse Umhängetasche kein Badekleid enthält", antwortete Tanner scheinheilig. "Aber Sie könnten den Rheinweg hinunter gehen - immer auf gleicher Höhe mit uns. Und dabei unsere Kleidung mittragen."
"Was soll ich?", schnappte die Kliebenschädel. "Sie laufen nachher schön den Rhein wieder hoch und holen ihre Kleider selbst. Hoffentlich werden sie in der Zwischenzeit gestohlen." Sie eilte mit wütend klappernden Schuhabsätzen davon.
"Na gut, ihr Gesicht war sehenswert", sagte Diener. "Aber das Kleiderproblem haben wir damit nicht gelöst."
"Keine Sorge. Hier, ein wasserdichter Schwimmbeutel. Hat genügend Platz für unsere Sachen. Und ein Badetuch habe ich auch dabei."
Wenig später trieben die beiden Polizisten den Rhein hinunter.
"Jetzt sind wird etwa auf der Entchenlinie", sagte Tanner.
"Sie führt tatsächlich in der Nähe der Kappelle unter der Mittleren Rheinbrücke hindurch, wo der Streit gewesen sein soll", sagte Diener.
"Die Aussage des Zeugen könnte passen. Schauen wir, ob wir am Pfeiler unter der Kapelle Spuren finden. Sie nehmen die rechte Seite, ich die linke."
"Das wird schwierig, dort zieht der Rhein besonders stark."
"Versuchen wir's trotzdem. Los, rüber mit Ihnen. Und dann mit aller Kraft gegen die Strömung schwimmen!"
Diener crawlte von ihm weg und liess sich zur anderen Seite des Pfeilers treiben. Tanner begann gegen die Strömung zu schwimmen. Bald er unter der Brücke und paddelte, so schnell er konnte. Es gelang ihm eine Weile, auf gleicher Höhe mit dem Pfeiler zu bleiben, und er suchte ihn mit den Augen ab. Aber abgesehen von einem ekligen Algenfilm, einigen Büscheln Seegras und viel Vogeldreck konnte er nichts erkennen. Allmählich liess seine Kraft nach und immer mehr zog ihn der Rhein mit sich. Plötzlich hörte er Diener auf der anderen Seite johlen und rufen. Als er unter der Brücke hervor trieb, kam auch Diener zum Vorschein. Er prustete und schnappte nach Luft. "Da hängt eine Leiche", keuchte er zwischen zwei Armzügen.
Etwa zwei Stunde später standen Tanner und Diener, nun wieder trocken und vollständig bekleidet, auf dem Kai der Schifflände. Sie warteten auf das Schlauchboot der Polizeitaucher, welche die Leiche geborgen hatten. Der Kai war abgesperrt und ein paar Kollegen bauten einen Paravent gegen neugierige Blicke auf. Doktor Bernstein, der Gerichtsmediziner, stand bei ihnen, die Hände in den Taschen seiner ledernen Motorradhose vergraben.
"An einem Tag zwei Wasserleichen. Das gab's noch nie", sagte er, als das Boot anlegte. "Macht einen richtig nachdenklich."
"Hm-hm", machte Diener und wies zum gegenüber liegenden Rheinufer. "Gerade so wie die Helvetia dort."
Tanner nickte. Der Brückenkopf auf der Kleinbasler Seite war einer seiner Lieblingsplätze. Schon oft hatte er bei der bronzenen Helvetia gestanden, die dort auf der Mauer sass, ihren Mantel, Speer, Schild und Koffer hinter sich abgelegt. Ihrer Miene nach schien sie sich zu wundern, wie sie nach Basel gelangt war. Gerade so, wie es ihm selbst manchmal ging, den es einst von Schaffhausen hierher geschwemmt hatte.
Die Ankunft des Taucherbootes holte ihn aus seinen Gedanken. Es brauchte vier Männer, um den vollen Leichensack aus dem Boot heraus in den bereit stehenden Chromstahlsarg zu heben.
Der Leiter des Tauchertrupps trat zu Tanner. Er machte einen erschöpften Eindruck. "Das war jetzt aber die letzte Wasserleiche für heute, nicht wahr? Zwei solche Bergungen an einem Tag sind genug. Und diese hier war wegen der starken Strömung äusserst schwierig. Der Tote war mit der Krawatte an einem rostigen Haken hängengeblieben."
"Machen Sie bitte den Sack auf", sagte Bernstein zum Taucher. Als der Reissverschluss offen stand, betrachtete er die Leiche. "Sieht auf den ersten Blick unserem Toten von heute morgen recht ähnlich. Dunkler Anzug, etwas korpulent - und in gutem Zustand." Er öffnete die Anzugsjacke des Toten. "Aha. Aber seine Korpulenz geht nicht auf Übergewicht, sondern auf Muskelmasse zurück. Und er hat keinen Tanga im Rachen. Es sieht vielmehr so aus, als ob er von seiner Krawatte erdrosselt worden wäre."
"Deshalb trage ich keine", sagte Tanner. "Immer diese Angst, dass sie mich irgendwann erwürgen will."
"Natürlich muss die Obduktion das noch bestätigen", fuhr Bernstein fort. "Weiter: Kurzgeschorene Haare, fleischiges, breites Gesicht, hohe Wangenknochen."
"Typus osteuropäischer Bodyguard", unterbrach Diener und stupfte Tanner an.
Er nickte. "Die Aussage unseres Zeugen bekommt immer mehr Gewicht. Er meinte ja, drei Osteuropäer streiten gesehen zu haben. Das könnte einer davon sein. Vielleicht ist er im Streit ins Wasser gestürzt."
"Allerdings ist Schneidewind kein Osteuropäer", wandte Diener ein.
"Das ist richtig. Wir dürfen die Aussage nicht unkritisch akzeptieren. Er hat ausserdem auch noch eine schöne Südamerikanerin erwähnt.
"Vielleicht hat ihn diese etwas zu sehr beeindruckt.", meinte Diener grinsend.
"Herr Tanner." Ein junger Kollege hatte sich ihnen genähert. "Das ist für Sie." Er übergab ihm ein Briefcouvert. Es enthielt ein zusammengefaltetes Blatt Papier.
"Was ist denn das?", fragt er laut. Peter Diener schaute auf das Papier.
"Oha. Ein anonymer Brief aus aufgeklebten Buchstaben." Seine Augen schauten Tanner gross an. "Vielleicht eine Morddrohung? Wen haben Sie sich zum Feind gemacht, Herr Tanner?"
"Vielleicht die Kliebenschädel."
Diener lachte. "Was steht denn drin?"
Tanner las vor. "Freundin alles gesehen. Grosse Angst. Bitte helfen."
"Super", sagte Diener ironisch. "Wie sollen wir da helfen? Kein Name, keine Adresse. Müssen wir wieder an die Medien gelangen? Liebe Freundin: Bitte melden Sie sich bei der Polizei?"
"Die Kliebenschädel wird uns dabei kaum mehr helfen." Tanner fragte den jungen Kollegen: "Wie sind Sie zu diesem Brief gekommen?"
"Ein kleiner, schmächtiger Typ hat ihn mir übergeben. Er wartet dort hinten ... „
"Er ist noch da? Warum sagen Sie das nicht gleich? Wo ist er?"
"Eben, da hinten ... nein, er ist weg ... Halt. Dort oben ist er. Er überquert grad die Brücke." Der Polizist wies etwa in die Mitte der Brücke, wo ein Mann, auf den die Beschreibung passte, eilig in Richtung Kleinbasel ging.
"Den kenne ich doch", sagte Diener.
"Das ist der Dünne von heute morgen im Hafen. Los, den müssen wir schnappen", sagte Tanner und rannte los. Diener verdrehte die Augen und folgte ihm die Treppe hoch zur Brücke.







