Folge 3 

 

Die schöne junge Ehefrau des verstorbenen Friedrich Schneidewind schloss die schwere Eingangstür hinter Tanner.

„Mein Mann ist also tot. Ein Verbrechen?" Sie hatte die Todesnachricht sehr gefasst aufgenommen. Auch jetzt konnte er noch keine besondere Regung feststellen.

„Das ist noch unklar. Sie sagten, Ihr Hausmädchen habe gemeldet, das Bett Ihres Mann sei unberührt. Wissen Sie, wo er die Nacht verbracht hat?"

„Er war gestern an einem Anlass des Lions Clubs."

„Der hat sicher nicht die ganze Nacht gedauert."

„Ich weiss nicht, was er anschliessend tat."

„Und wo waren Sie? Verzeihen Sie diese Frage, aber sie muss sein."

„Selbstverständlich." Sie verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich war hier."

„Kann das jemand bezeugen?"

„Nein. Unser Hausmädchen ist nur tagsüber im Haus. Ich habe ferngesehen und bin um elf ins Bett. Ich scheine kein Alibi zu haben." Sie blinzelte ihn kokett an.

Tanner zog sein Handy hervor und öffnete eine Fotografie des roten Tangas. „Kennen Sie dieses Kleidungsstück?"

Sie schaute kurz auf das Foto. „Nein. Was soll diese Frage?"

„Ihr Mann ist daran erstickt."

Das war nun doch zu viel für Sie. Sie setzte zwei Mal zum Reden an. Dann verbarg sie ihr Gesicht in den Händen, atmete mehrmals tief durch und liess die Hände wieder sinken. „Er hat mich also betrogen."

„Das ist vielleicht ein voreiliger Schluss. Wie war Ihre Ehe?"

Ihre grossen braunen Augen blitzten ihn wütend an. „Unsere Ehe war sicher nicht die flammende, grosse Liebe. Aber wir haben uns respektiert."

„Entschuldigen." Eine junge Frauenstimme ertönte von einer Tür auf der linken Hallenseite. „Bringe jetzt Wäsche in Reinigung." Das musste das Hausmädchen sein. Sie war eine Schönheit. Tanner tippte auf knapp zwanzig und Südamerika.

„Das ist Corazon." Der Blick, den Eveline Schneidewind ihr zuwarf, war offensichtlich feindselig. Vermutete sie, dass ihr Mann sie mit dem Hausmädchen betrogen hatte? Sie winkte Corazon herrisch herbei.

„Tragen Sie solche Sachen?", fragte sie und deutete auf das Foto des Tangas. Die schöne Südamerikanerin betrachtete es genau. „Zu viel teuer für mich."

„Hat mein Mann es Ihnen - geschenkt?"

„Er mir nie etwas schenken, für...", begann Corazon, schlug sich dann aber schnell die Hand vor den Mund, wie wenn sie aus Versehen fast etwas Falsches gesagt hätte. Ihre schwarzen Augen sprühten dabei aber vor Feuer. Tanner war sicher, dass sie ganz genau wusste, was sie sagte.

Wofür hat er Ihnen nie etwas geschenkt?" Die Stimme der Witwe war ein gefährliches Flüstern.

„Entschuldigung", unterbrach er die sich anbahnende Eifersuchtsszene. „Noch eine letzte Frage. Wer kann mir Auskunft über den Lions-Anlass geben?"

 

„Bitte treten Sie ein, Herr ... Tanner. Ist das richtig?"

„Ihre Sekretärin hat sie korrekt informiert, Herr Weibel." Das Büro von Anwalt Weibel war wie er selbst: Geräumig und elegant.

„Mein Lions-Freund Friedrich ist also tatsächlich tot?"

„Leider. Wir versuchen zu rekonstruieren, was er vergangene Nacht getan hat. Er soll an einem Anlass des Lions-Clubs gewesen sein, dessen Präsident Sie sind."

„Er war sogar die Hauptperson. Er hielt einen Vortrag über eine grössere Activity, die er unserem Club vorschlagen wollte."

„Eine was?"

„Activity. So bezeichnen wir unsere gemeinnützigen Aktionen."

„Ist Ihnen etwas aufgefallen an ihm?"

„Nun, er war aufgeregt - und am Ende nicht sehr erfreut, denn die Begeisterung unserer Mitglieder für seinen Vorschlag war nicht sehr gross."

Da dudelte Tanners Handy. Er nahm ab, mit einem entschuldigenden Blick.

„Mein liiiber Herr Tanner", tönte es aus dem Gerät.

Die Kliebenschädel! Wie kam diese Nachrichtenhyäne zu seiner Handynummer?

„Was wollen Sie? Ich bin gerade in einer Besprechung."

„Sie werden sich freuen. Es hat sich ein Mann bei uns gemeldet, der eine Beobachtung gemacht hat im Zusammenhang mit der Qietschentchen-Spur."

„So schnell? Wie ist das möglich? Ihre Zeitung erscheint doch erst morgen."

„Herr Tanner, wo leben Sie? Seit langem hat das BLATT ein Online-Portal, wo wir aktuelle Meldungen veröffentlichen. Selbstverständlich haben wir das Kärtchen vom Hafenmeister online gestellt. Und schon ist ein Erfolg da."

„Ist es ein Augenzeuge?"

„Er wollte um keinen Preis ohne Polizei etwas sagen, was ich nicht ...

„Das ist völlig in Ordnung so. Wie kann man den Mann sprechen?"

„Er wollte in einer Stunde in Ihrem Büro sein."

„Alles klar, auf Wiederhören."

„Moment, Herr Tanner, so einfach können Sie mich nicht ..."

Er schaltete das Handy mit heimlichem Vergnügen aus. Aber er wusste, dass die Reporterin nicht so schnell aufgeben würde.

„Entschuldigung, Herr Weibel. Zurück zum gestrigen Anlass. Wann hat Herr Schneidewind ihn verlassen - und hat er erwähnt, wohin er gehen würde?"

„Er ging relativ früh, es muss kurz nach zehn Uhr gewesen sein. Er habe noch eine Besprechung."

 

Im seinem Büro traf Tanner auf Kollege Peter Diener, der es sich im Stuhl vor dem Schreibtisch bequem gemacht hatte.

„Wir bekommen gleich Besuch von einem Augenzeugen, Diener. Vielleicht hat es sich für einmal gelohnt, mit der Kliebenschädel zusammen zu arbeiten. Sie hat die Karte mit der Entchenspur im Rhein auf das Online-Portal des BLATTES aufgeschaltet. Daraufhin hat sich jemand gemeldet. Er müsste bald kommen."

„Ich habe Neues vom Gerichtsmediziner. Doktor Bernstein hat in der Hand des Toten etwas gefunden. Hier." Diener zeigte ihm einen kleinen Plastiksack, der etwas Goldenes enthielt. „Er sagte, das sei ein Pin des Rotary-Clubs. Und den in der Hand eines Lions Club Mitglieds zu finden, sei seltsam, weil diese Vereine in gewisser Weise Rivalen seien."

Es klopfte an die Tür.

„Das ist unser Zeuge", sagte Tanner. „Der Pin-Sache gehen wir später nach."

Diener öffnete die Bürotür. Im Flur stand ein etwa fünfzig jähriger Mann mit Velohelm auf dem Kopf und Fahrradklammern an den Hosenbeinen.

„Guten Tag, Mein Name ist Schwendener, Karl Schwendener. Ich möchte eine Aussage machen zum Toten im Hafen."

„Kommen Sie herein", sagte Diener und führte ihn zum Stuhl vor Tanners Schreibtisch. Dieser schüttelte dem Mann die Hand.

„Tanner mein Name. Bitte nehmen Sie Platz. Sie möchten uns etwas mitteilen? Ich danke Ihnen übrigens für Ihre Diskretion gegenüber der Presse."

„Beim BLATT habe ich gewisse Vorbehalte ..."

„Ja, das geht uns auch so. Was haben Sie beobachtet."

„Als ich das Kärtchen im Internet gesehen habe, das den möglichen Weg der Leiche im Rhein zeigt, ist mir etwas eingefallen, das ich gestern Abend auf der Mittleren Brücke beobachtet habe. Ich fuhr etwa um elf Uhr mit dem Rad nach Hause. Es war genau dort, wo der Weg unter der Mittleren Brücke durchführt, links von der Kapelle."

Was war dort", fragte Diener.

„Ein Streit oder so. Jedenfalls eine heftige, geradezu aggressive Diskussion."

„Wer war daran beteiligt?"

„Drei Männer in Anzügen, vielleicht Osteuropäer. Und eine ausgesprochen aufreizend gekleidete junge Frau, wahrscheinlich Südamerika."

„Sie wissen nicht zufällig, ob die Dame einen roten Tanga trug?", fragte Diener.

„Wie bitte? Wollen Sie sich über ich lustig machen?"

„Keineswegs", beeilte sich Tanner den Mann zu beruhigen. Da klopfte es schon wieder an der Bürotür. Draussen stand eine adrett gekleidete junge Frau mit grosser Umhängetasche.

„Frau Kliebenschädel", sagte Tanner. „Wieso überrascht mich das jetzt nicht?"