Treibgut - der Lions Club Krimi von Hans Rudolf Graf

Folge 2

 

„Sie werden es kaum glauben", sagte Doktor Bernstein. „Der Mann ist erstickt."

Das überraschte Tanner nun nicht wirklich, schliesslich hatten sie es mit einer Wasserleiche zu tun. „Also im Rhein ertrunken. Was soll daran so unglaublich sein?"

Bernstein hob den Zeigefinger „Ich sagte erstickt, nicht ertrunken. Dies hier habe ich in seinem Rachen gefunden." Er zeigte ihm eine kleine Chromstahlschale mit einem unappetitlichen roten Klumpen.

„Ein Stück Stoff?"

Der Mediziner nahm eine Pinzette und breitete das Textil aus. Es war ein feines Gewebe von unverkennbarem Schnitt. Nun verstand er Bernsteins Staunen.

„Ein Tanga?"

„Von der Machart her ein ziemlich teures Exemplar."

„An einem Tanga erstickt man nicht wie an einer verschluckten Gräte. Unser Mann wird das gute Stück kaum freiwillig in den Mund genommen haben."

Bernstein wiegte den Kopf. „Wissen wir denn, welche abartigen Dinge ein Mensch zur Befriedigung seiner Triebe unternimmt?"

Tanner nickte. „Mag sein. Aber eins nach dem anderen. Zuerst müssen wir wissen, wann der Tod eintrat und wo der Mann in den Rhein gelangt ist. Muss ja nicht hier im Hafen gewesen sein." Während bei „normalen" Toten der Fundort meistens direkt etwas mit dem Fall zu tun hatte, konnten Wasserleichen von weit her angeschwemmt werden. In vorliegenden Fall liess der gute Zustand der Leiche wenigstens hoffen, dass sie nicht mehr als ein paar Kilometer rheinaufwärts suchen mussten. „Wir reden mit der Hafenverwaltung. Wenn jemand die Strömungen im Rhein kennt, dann die Rheinschiffer."

„Wissen wir schon, wer der Tote ist", fragte Peter Diener, der von seinem missglückten Gespräch mit einem der Schaulustigen zurückkehrte.

„Erzählen Sie zuerst, womit Sie den dürren Jungen vertrieben haben."

„Ich habe ein paar unverfängliche Scherze gemacht, der Kleine hat mich stumm angegrinst, kein Wort gesagt und ist plötzlich weggerannt. Ich bin nicht einmal sicher, ob er mich verstanden hat."

„Ein Ausländer?"

„Möglich." Diener zuckte mit den Schultern. „Immerhin habe ich Fotos von ihm."

„Na gut. Zurück zu unserer Leiche."

„Todeszeitpunkt ist vergangene Nacht. Genaueres kann ich im Moment nicht sagen, weil er im kalten Wasser gelegen hat", sagte Bernstein. „Übrigens habe ich dies hier bei der Visitation entdeckt." Der Mediziner reichte ihm einen Plastikbeutel mit einer schwarzen Lederbrieftasche. Tanner zog Latexhandschuhe an, nahm die Brieftasche aus dem Beutel und studierte ihren Inhalt.

„Friedrich Schneidewind. Sechsundfünfzig, verheiratet mit einer Eveline. Da steht uns also noch etwas bevor."

„Herr Tanner!"

Diese Stimme liess ihn erstarren. Schon die Ehefrau des Verstorbenen über dessen Tod zu informieren, war eine unangenehme Sache. Aber dies war schlimmer. Hinter ihm stand eine adrett gekleidete, eher klein gewachsene, bildhübsche Frau mit einer grossen Umhängetasche. Doch ihr angenehmes Äusseres täuschte. Sie war eine berüchtigte Sensationsreporterin vom BLATT.

„Frau Kliebenschädel. Was beschert uns Ihre Anwesenheit?"

„Liiieber Herr Tanner, Sie freuen sich ja gar nicht über unser Wiedersehen."

„Wie sind Sie hierher gekommen? Wer von den Kollegen hat Sie durchge ..."

„Aach, seien Sie ihnen nicht böse. Eine unscheinbare, kleine Frau wird soo schnell übersehen und die netten Herren Schaulustigen haben mich bereitwillig nach vorne ... was ist das?" Ihr manikürter Zeigefinger wies auf die Schale mit dem Tanga. „Die Polizei vergnügt sich an einem Tatort mit Reizwäsche? Das wird unsere Leser interessieren."

„Dieser Tanga ist ein ..." Er unterbrach sich. Um ein Haar hätte er Preis gegeben, dass es sich um ein wichtiges Beweisstück handelte. Das hätte dann garantiert auf der Titelseite der Boulevardzeitung gestanden. Aber dass sich die Polizei bei der Arbeit mit Unterwäsche beschäftigte, durfte dort ebenso wenig zu lesen sein. Es blieb nur die Flucht nach vorne.

„Liiiebe Frau Kliebenschädel, ich gewähre Ihnen heute ein Privileg."

„Ach?" Sie sah ihn mit unverhohlenem Misstrauen an. „Das ist verdächtig. Sie wollen garantiert etwas vor mir und damit vor der Öffentlichkeit verbergen ..."

„Sie wissen ganz genau, dass wir gegenüber der Presse zurückhaltend sein müssen, damit unsere Ermittlungen nicht gefährdet werden. In diesem speziellen Fall bin ich aber bereit, Sie ein wenig an unserer Arbeit teilhaben zu lassen. Dann haben Sie etwas zu schreiben, mit dem wir beide leben können.

„Das klingt ja richtig vernünftig. Kenne ich gar nicht von Ihnen. Worum geht es?"

„Ich nehme Sie mit zur Hafenverwaltung. Wir müssen herausfinden, von wo unsere Wasserleiche hergetrieben worden sein könnte."

 

„Wann geben Sie den Kai endlich frei?", begrüsste sie der Hafenmeister Leutpold. „Ich brauche dringend Platz für Warenumschlag."

„Je besser Sie unsere Ermittlungen unterstützen, desto schneller sind wir weg."

„Alles klar. Womit kann ich helfen - Sie haben ja eine reizende Assistentin."

Leutpolds Miene hellte sich deutlich auf, als er die Kliebenschädel erblickte. Und sie liess die Wimpern klimpern. Tanner fragte sich, ob die Gerüchte wohl stimmten, wonach ihr alle Mittel recht waren, um an eine Story zu kommen.

„Wir müssen wissen, woher die Leiche gekommen sein könnte. Falls sich herausstellt, dass der Tote nicht hier im Hafen ins Wasser gelangt ist."

„Ich bin überzeugt, dass er nichts mit meinem Hafen zu tun hat", sagte Leutpold entschieden. Er konnte die Augen kaum von der Reporterin lassen. „Und ich kann ihnen sagen, woher er gekommen sein könnte. Vor ein paar Jahren hatte im Hafen Muttenz ein Schiff - abgesehen von der üblichen Flüssigladung - ein paar grosse Boxen mit gelben Plastikenten geladen. Beim Umschlag ist eine davon ins Wasser gestürzt und die Quietschentchen sind den Rhein hinunter getrieben - bis zu uns hinein. Ich zeichne ihnen den Weg auf, den sie genommen haben."

„Quietschentchen?" Die Reporterin schaute den Mann zweifelnd an.

„Wenn man den Rhein hoch schaute, konnte man eine schöne gelbe Entenreihe im Wasser sehen."

„Das ist ja ein Ding." Die Kliebenschädel strahlte. „Ich sehe schon die ..."

„Das hilft uns sehr", unterbrach sie Tanner schnell. Wenn sie von der Titelseite der morgigen BLATT-Ausgabe schwärmte, würde der Hafenmeister merken, dass sie nicht zur Polizei gehörte. „Faxen Sie ihre Zeichnung bitte so schnell wie möglich an diese Adresse." Er gab ihm seine Karte, und sie verabschiedeten sich.

 

Nachdem Tanner die Reporterin abgewimmelt und seinem Kollegen Peter Diener die weitere Arbeit im Hafen übertragen hatte, fuhr er zum Haus des Toten. Beim Anblick des Gebäudes kam ihm unweigerlich der Begriff „Fabrikantenvilla" in den Sinn. Und im Vorgarten hätten ohne Weiteres ein Tennisplatz und ein Swimmingpool Platz gefunden. Er läutete an der grossen, zweiflügeligen Eingangstür.

Nach einer Weile hörte er Schritte im Haus. Sie liessen auf hochhackige Damenschuhe schliessen. Das war dann auch das erste, was er sah, als sich die Tür öffnete. In den offenen Schuhen steckten nackte Füsse mit rot lackierten Nägeln. Die leicht schiefen grossen Zehen wiesen auf langjährigen Gebrauch dieses Schuhtyps hin. Dafür waren die anschliessenden Beine gerade, schlank und - lang. Sie verschwanden unter einem kurzen Morgenrock, der die üppigen Formen seiner Trägerin nur annähernd verbarg. Die Frau war etwa Mitte Dreissig, warf die langen braunen Locken in den Nacken und lächelte ihn spöttisch an. Er konnte sich durchaus vorstellen, dass sie vergangene Nacht einen roten Tanga getragen hatte.

„Ja?" fragte sie mit rauchiger Altstimme.

Sie war sicher viel jünger als der Tote. Es könnte sich also um seine Tochter handeln. Aus einem Bauchgefühl heraus entschied er sich trotzdem für „Ehefrau".

„Georg Tanner, Kripo Basel. Sind Sie Frau Eveline Schneidewind?"

„Übler Name, nicht wahr? Ich hätte meinen alten behalten sollen." Sie verdrehte die Augen. Sie war die Ehefrau.

„Wir haben heute früh Ihren Mann tot aufgefunden." Er hielt nichts von langem Drumrumreden. Solche Nachrichten konnte man nicht angenehm gestalten.

„Ach", sagte sie. Das Lächeln verschwand aus ihrem Gesicht. Nach einem Augenblick trat sie beiseite. „Kommen Sie doch herein. Nun verstehe ich das. Unser Hausmädchen hat mir vorhin gesagt, das Bett meines Mannes sei unberührt."

Er folgte ihr in eine ausladende Eingangshalle, die dem Äusseren des Hauses absolut gerecht wurde. „Darf ich Ihnen ein paar Fragen stellen?"