Treibgut - der Lions Club Krimi von Hans Rudolf Graf

Folge 1

Martin Bracher war es �/P>

Und diese Kopfschmerzen.

Drei Tagen lagen sie schon im Aussenbereich vom Kleinh�r Rheinhafen. Dabei sollten sie l�st wieder auf Talfahrt sein, mit vollen Lader�en. Sie brauchten das Geld, denn die n�ste Rate f� neues Schiff war bald f�ig.

Vor knapp sechs Monaten hatten er und sein Bruder Adrian schweren Herzens die nach ihrer Mutter benannte Marie-Louise verkauft. Fast zwanzig Jahre lang war ihr Vater Sch� gefahren, bis er sie schliesslich voll abbezahlt seinen beiden S�n �b. Aber sie war f� heutige Zeit einfach zu klein geworden. Mit der hundertzehn Meter langen, hochmodernen Marie-Louise II lief es am Anfang gut. Die Frachten kamen, die Fahrten verliefen reibungslos. Endlich hatten sie Hoffnung auf ein anst�iges Einkommen f�h und ihre Familien. Dann aber kenterte ein S�etanker bei der Loreley. Drei Tage mussten sie tatenlos warten, bis die Unfallstelle passiert werden durfte. So sehr sie auch mit den Opfern litten, ihre Gedanken kreisten um den Liefertermin. Sie mussten ihn einhalten, sonst platzten die Anschlussvertr�.

Leider kam es genau so. Zwei Tage rannten sie nun schon vergebens den Spediteuren die T�in. Gestern hatte er Adrian nur mit M�ran hindern k�n, in seiner Wut einen Disponenten zu verpr� Nachher kauften sie Bier und Whisky, legten am Abend auf ihrem Schiff alte Platten auf und betranken sich gr�h.

Und nun lehnte er an der Reling und k�fte gegen die �elkeit. Mit brennenden Augen stierte er in das dunkelgr�lige Wasser. Braune Bl�er, eine leere Zigarettenpackung und ein paar M�federn wogten tr� auf und ab.

Aber da war noch etwas anderes im Wasser. Etwas Grosses, Dunkles.

Er rieb sich die Augen. Blinzelte ein paar Mal, bis er klarer sehen konnte.

Und dann gewann die �elkeit.

Georg Tanner stand neben seinem Mitarbeiter Peter Diener an der Reling der Marie-Louise II. Dort, wo Martin Bracher den Kampf gegen seinen Magen verloren hatte. Sie beobachteten die beiden Polizeitaucher, die zusammen mit den Kollegen auf dem Polizeiboot versuchten, den Toten zu bergen. Was offensichtlich nicht einfach war.

Diener lachte auf. "Ich wusste nicht, dass Ueli derart blumig fluchen kann."

Tanner nickte stumm, schmunzelte und schaute weiter zu. Allm�ich schweifte sein Blick von den Kollegen weg und verlor sich im sanft wogenden Wasser des Rheins.

Ja. Der Rhein.

Der Fluss und er kamen vom gleichen Ort. Von Schaffhausen.

Er war mit dem Rhein aufgewachsen. Schon als kleines Kind hatte er darin gebadet. Sp�r stachelte er Weidlinge flussauf, holte sich einen Sonnenbrand am Lindli, spazierte in der Ruhe eisiger Wintertage am Ufer oder beobachtete das Kr�eln herbstlicher Dunstf�n �em Wasser.

Hier jedoch hatte der Rhein nicht mehr viel mit jenem idyllischen Gew�er zu tun, das durch Schaffhausen floss. Er war ein Verkehrsweg, genutzt bis an die Grenzen des M�chen. Dennoch liebte er diesen Fluss, sass gern an seinem Ufer und schaute dem Wasser zu. War er selbst nicht ein St�eibgut? Einst hatte ihn die Liebe rheinabw�s nach Basel geschwemmt. Die Liebe war vergangen, er war geblieben. Seit nun schon dreizehn Jahren war er Leiter der Sektion Leben der Kriminalpolizei beider Basel.

Endlich gelang es den Kollegen, den toten K�r auf das Polizeiboot zu hieven. Sie legten ihn auf Deck und breiteten ein weisses Laken dar�Die beiden Taucher kletterten schwer atmend aus dem Wasser. Ueli zeigte dem immer noch breit grinsenden Diener den im schwarzen Taucherhandschuh steckenden Mittelfinger.

Das Boot setze sich in Bewegung. Am Kai wartete eine Ambulanz in einem mit rotweissen B�ern abgesperrten Bereich. Eine ganze Menge von Schaulustigen hatte sich bereits angesammelt.

"Schauen wir uns den neuen Kunden an", sagte Tanner zu Diener. Sie verliessen das Rheinschiff �ine schmale eiserne Leiter und bahnten sich einen Weg durch die Neugierigen. Die meisten waren sicher Hafenarbeiter. Aber es standen auch ein paar Rheinschiffer dabei, die wohl wissen wollten, ob einer der "Ihren" hier sein nasses Grab gefunden hatte.

Die Rettungssanit�r transferierten den Toten auf die Rollbahre der Ambulanz. Nachdem sie einen Paravent als Sichtschutz aufgestellt hatten, ging Tanner zur Leiche und entfernte das Laken.

Der Mann hatte offensichtlich nicht lange im Wasser gelegen. Haut und Fleisch wirkten noch frisch. Das war ungew�ich. Normalerweise versanken Tote im Wasser und tauchten erst bei fortgeschrittener Verwesung wieder auf. Das waren Leichen, die sogar seinem abgeh�eten Magen Probleme bereiteten. Wahrscheinlich war der Tote hier nur deshalb nicht versunken, weil sich Luft in seiner Kleidung befunden und f�trieb gesorgt hatte. Er trug einen gut geschnittenen dunklen Anzug mit Weste und passender Krawatte. Wahrscheinlich lag hier kein Rheinschiffer vor ihnen.

"Finger weg von meiner Leiche", rief eine Stimme hinter seinem R�

"Doktor Bernstein. Wir haben Sie gar nicht kommen geh�, begr�er den Gerichtsmediziner. "Haben Sie Ihr Baby heute nicht dabei?" Vor kurzen hatte der bald sechzig j�ige Mediziner seinen alten Traum von einer Harley Davidson verwirklicht und kam seither mit donnernder Maschine zu den Leichen.

"Man liess mich nicht herein fahren. Ich musste sie beim Tor dort hinten abstellen." Er deutete mit dem Daumen �ie Schulter.

Tanners Blick folgte der Bewegung unwillk�, blieb dann aber an den Schaulustigen h�en. Es sah ausschliesslich M�er. Die einen beobachteten stumm, die H�e tief in den Hosentaschen. Einige rauchten. Andere unterhielten sich ged�ft mit Kollegen, gestikulierten verhalten. Ein schm�tiger junger Mann fiel ihm auf. Er versuchte, �ie breiten Schultern der Hafenarbeiter hinweg zur Ambulanz zu sehen. Immer wieder wechselte er seinen Standort und sp�e nach vorne. Irgendetwas an ihm war merkw�

"Diener", sagte er zu seinem Kollegen, ohne den Mann aus den Augen zu lassen. �Ist Ihnen der Kerl dort auch schon aufgefallen?"

"Soll ich mich mit ihm unterhalten?"

"Und eine Fotografie w� gut. Unauff�ig."

Diener zwinkerte ihm zu, z�seine kleine Digitalkamera und entfernte sich, die eine Hand in der Hosentasche, einen Basler Fasnachtsmarsch pfeifend. Tanner verdrehte die Augen ob diesem "unauff�igen" Diener.

Doktor Bernstein zog derweil hellblaue Latexhandschuhe �nd begann mit der Erstuntersuchung der Leiche.

Tanner beobachtete Diener, der sich unter dem Absperrband hindurch duckte und durch die Schaulustigen dr�te, wie wenn er den Ort verlassen m�e. Keiner nahm Notiz von ihm. Ein par Dutzend Schritte weiter drehte er wieder um und n�rte sich dem jungen Mann. Er schoss ein oder zwei Fotos. Wieder wechselte der Mann seine Position, Diener folgte ihm. Dann sprach er ihn an. Wenig sp�r f� die beiden ein munteres Gespr�. Der f� Diener war im Korps bekannt f�nen ansteckenden Humor. Schon mancher T�r hatte sich bei Verh� davon t�chen lassen und mehr verraten, als er gern gewollt h�e.

"Herr Tanner." Doktor Bernstein winkte ihn zur Leiche.

"Todesursache?", fragte er ihn kurz.

"Dazu komme ich gleich. Ich wollte Ihnen dies hier zeigen." Bernstein deutete auf den linken Kragen der Anzugsjacke des Toten.

"Ein farbiger Pin?"

"Der Mann war Mitglied in einem Lions Club."

"Ist das ein Verein, der dem Zolli einen neuen L� schenken will? Oder ist es eine dieser Geheimlogen?" Aus den Augenwinkeln beobachtete er, wie der junge Mann unvermittelt losrannte. Diener schaute ihm mit offenem Mund hinterher.

"Mein Gott, nein. Das ist ein Serviceclub", erkl�e der Mediziner. "Die machen gemeinn� Arbeit oder sammeln Geld f�en guten Zweck oder ..."

"Mag sein", unterbrach ihn Tanner. "Was ist denn nun die Todesursache?"