Rebensaft - der Radio Munot Krimi von Hans Rudolf Graf

Folge 9 vom 13. Juli 2009                   zum hören

Blut !

Was bisher geschah 

 

Sie standen vor dem Wohnhaus des Mühlemannhofes. Tanner schaute Judith gespannt an. Würde sie zugeben, dass sie mit Hugo Schwaninger früher eine Beziehung hatte?

"Du weisst ja, wie ich damals war", sagte sie mit einem eigenartigen Lächeln. War es entschuldigend oder eher - wehmütig? "Ich habe mit Volldampf gelebt, alles gemacht, was Spass versprach."

Allerdings. Sie hatte gerne im Mittelpunkt gestanden und damit auch immer für gute Stimmung gesorgt. "Ich erinnere mich an viele Feiern. Auch ich war nicht gerade ein Kind von Traurigkeit."

"Wenn Laura nicht gewesen wäre, hätten wir beide sicher auch einmal zusammen ... Spass gehabt." Sie zwinkerte ihm zu.

Klar hatte er gelegentlich mit Judith getanzt. Dass sie aber an mehr interessiert gewesen wäre damals, auf diese Idee war er nie gekommen. Allerdings hatte er eben nur Augen für Laura gehabt, die damals noch Peter Mühlemanns Freundin war. Die deshalb scheinbar unerreichbar war, dann aber doch den Weg zu ihm gefunden hatte. Jetzt waren beide tot - Laura schon vor vielen Jahren und nun auch Peter.

"Ja, mag sein", sagte er. Er fühlte sich eigenartig verlegen - und sah es Judith an, dass sie sich darüber diebisch freute. Aber darum ging es jetzt wirklich nicht. "Was ist denn nun mit Hugo? Hattet ihr eine Beziehung?"

"Das kann man wohl kaum so nennen. Er war schon lange scharf auf mich, das wusste ich. Und nach einem Herbstfest sind wir dann zu ihm nach Hause gefahren. Es war ein Fehler."

"Wieso?"

"Nachher dachte er, dass wir nun zusammen wären. Ich hatte nach dieser Nacht aber genug - hatte auch nie mehr als das gewollt."

"Hat er sich damit abgefunden?"

"Er hat mich lange immer wieder bedrängt. Ich glaube, er hat es bis heute nicht überwunden."

"Jetzt wird mir klar, weshalb du dich gewundert hast, als ich dir sagte, Hugo habe dich am Tatort gesehen - was du ja aber nicht warst." Er schaute sie forschend an. Doch sie ging nicht auf die Provokation ein.

"Ich frage mich, ob er mir damit einen reinbremsen wollte. Man weiss schliesslich, dass Zuneigung in Abneigung umschlagen kann, wenn sie nicht erwidert wird."

Und wie war das nun mit Hugos Hinweis auf die Ähnlichkeit von Judiths Sohn Stefan mit dem ermordeten Peter? Hatte sie auch Peter verführt und dafür ein Andenken behalten?

"Bei deiner Lebensfreude - hattest du auch etwas mit Peter?", fragte er.

"Er war sehr traurig, nachdem sich Laura für dich entschieden hatte." Ein schelmisches Lächeln kam auf ihr Gesicht. "Bei traurigen Männern konnte ich damals kaum widerstehen."

"Und er konnte der lebenslustigen Judith nicht widerstehen?"

"Nicht auf Dauer."

Aber Moment. Judith war damals doch mit Kurt Mühlemann zusammen, dem Bruder des Ermordeten. Ihrem jetzigen Ehemann. Das musste er noch mal genau überlegen. Wenn das stimmte, dann hatte - erstens - sie es mit der Treue nicht so genau genommen und zweitens ....

Er hörte ein heiseres Bellen, das eher ein Keuchen war, von der Fahrzeughalle her. Das hatte er beim Gespräch mit Judith ganz vergessen. Vater Mühlmann und sein Pudel Köbi waren ebenfalls zu Hause. Jetzt kamen die beiden aus der Halle geschlurft. Tatsächlich, nicht nur der alte Bauer, auch sein Hund schlurfte. Er hatte keine Lust, auf Vater Mühlemann zu treffen. Dessen Angriff mit der Mistgabel, dem er nur dank der Hilfe von Judiths Mann Kurt heil entkommen war, sass ihm noch in den Gliedern. Er verabschiedete sich von Judith, setzte sich in seinen Wagen und fuhr los.

Judith hatte nicht nur mit Hugo sondern auch mit Peter mindestens eine Nacht verbracht. Es könnte also durchaus sein, dass Stefan nicht der Sohn von Kurt, Judiths jetzigem Mann war, sondern eben von Peter. Und wenn Kurt nun dahinter gekommen wäre, dass sein eigener Bruder ihn mit seiner Frau betrogen hatte, dann hätte er ein klares Motiv. Aber die Fingerabdrücke auf der Rebschere stammten nicht von ihm, ausserdem ...

Das Handy dudelte. Xeno Peyer, der Ermittler der Schaffhauser Polizei war am Apparat. "Wir sind auf dem Hof von Hugo Schwaninger. Können Sie herkommen?"

 

Er war gespannt, wie Peyer die vergangene Nacht mit ihren vielen Cognacs überstanden hatte. Eigentlich konnte er sich nicht vorstellen, dass der immer beherrschte Ermittler sich etwas anmerken lassen würde. Und tatsächlich, Peyer stand da wie eine Eins. Er überwachte ein Team der Spurensicherung, die sich an Hugos geliebtem Bührer-Traktor zu schaffen machten. Als Peyer sich zu ihm umdrehte, sah er aber, dass die Nacht doch Spuren hinterlassen hatte. Nämlich eine Schramme an Peyers Stirn, dort wo er der Haustür entlang zu Boden gerutscht war. Er verkniff sich ein Grinsen.

"Na, ausgeschlafen, Herr Peyer?" fragte er.

"Selbstverständlich, was denken Sie denn?" Das klang nicht mehr wie gestern in der Bar nach interkantonaler Zusammenarbeit unter den Polizeikorps, sondern nach klarer Abgrenzung. Oder nach Kater ...

"Was gibt es denn, dass Sie mich herrufen?", fragte er ihn.

"Blutspuren."

"Am Bührer?"

"Sehen Sie selbst." Peyer wies auf eine Stelle am Schutzblech des linken Vorderrades des antiken Traktors, die gerade von einem Mann der Spurensicherung untersucht wurde.

Tanner beugte sich hinunter. Die dunkelbraun verfärbten Flecken waren gut zu erkennen. Auch für ihn sahen sie nach Blut aus.

"Was sagt Herr Schwaninger dazu?", fragte er Peyer.

"Wir konnten ihn noch nicht befragen, er ist abwesend."

"Wenn diese Flecken sich als Blut des Ermordeten heraus stellen sollten, macht das die Rekonstruktion des Tatherganges auch nicht einfacher. Denn wir wissen, dass die Rebschere nicht Hugo gehörte."

"Zumindest die Fingerabdrücke darauf nicht. Da Sie gerade den Tathergang ansprechen. Unsere Elektronikspezialisten haben die Befunde von der Tatortaufnahme und von der rechtsmedizinischen Untersuchung mit dreidimensionaler Simulation ausgewertet."

"Richtig, Sie haben den Tatort ja elektronisch gescannt."

"Sie hatten viel Arbeit, denn die Datenlage ist ziemlich schmächtig."

"Was haben Sie herausgefunden?"

"Der tödliche Schlag auf Mühlemanns Kopf ist mit grosser Wucht von oben geführt worden, und der stumpfe Gegenstand war relativ klein."

"Dann muss der Täter oberhalb von Peter gestanden haben. Bei dem steilen Rebberg kann er, wenn er unten steht, seinen Kopf nicht von oben treffen."

"Das Opfer stand beim Schlag mit Blick hangaufwärts, müsste den Täter also angeschaut haben."

"Gibt es Anzeichen, das Peter sich zur Wehr setzte?"

"Nicht die geringsten."

"Eigenartig. Wenn er den Täter angeschaut hat, musste er den Schlag doch kommen sehen. Peter war wie ich bei den Grenadieren. Er kannte sich aus mit Selbstverteidigung."

"Es wird noch eigenartiger. Die Rebschere wurde ihm in einem sehr flachen Winkel von unten her in den Hals gerammt. Als er schon am Boden lag."

"Der Täter muss sich also zu Peter hinunter gebeugt haben und ..."

"Wenn er nicht sogar neben ihn kniete."

"Hat er ihm den Puls gefühlt? Und als er merkte, dass das Herz noch schlug, ist er mit der Rebschere auf Nummer sicher gegangen?"

"Er wollte also den Tod des Opfers. Kein Totschlag im Affekt."

Wer konnte einen solchen Hass auf Peter haben? Es musste jemand sein, der ihn näher kannte, dem er irgendwann etwas Schweres angetan hatte. Oder hatte doch ein russischer Killer die Hand im Spiel?

"Und ausserdem hatte er eine Bisswunde an der linken Wade."

"Was?" Er sah Peyer an, und - na klar - das war kein Scherz

"Was ist hier los?", hörte Tanner einen Mann rufen. Er wandte sich um und da stand Hugo Schwaninger, der den Polizisten am Bührer wütend anschaute.

"Was tun Sie an meinem Traktor? Und was soll dieser Auflauf hier? Ach, du bist auch hier, Georg."

"Wo waren Sie, wenn ich fragen darf", sagte Peyer scharf.

"Nein, dürfen Sie nicht. Sie nicht", gab Hugo ebenso scharf zurück und schaute Tanner an. "Ich rede nur mit Georg." Da ging dieses eigenartige Spiel schon wieder los, das Hugo mit ihm spielte. Aber da wollte er nicht mehr mitmachen.

"Da ist Blut an deinem Traktor", sagte er kalt zu Hugo.