Rebensaft - der Radio Munot Krimi von Hans Rudolf Graf
Folge 8 vom 15. Juni 2009 zum hören
Prost !
Es war laut in dieser Bar. Und heiss. Die Luft voller Gerüche - die wenigsten angenehm. Tanner wurde es allmählich zu viel. Auch der Whisky vor ihm war eigentlich zu viel.
"Ich glaube nicht, dass Schwaninger sich nur wichtig machen will", schrie er zu Xeno Peyer, seinem Kollegen von der Schaffhauser Polizei. Seit bald zwei Stunden standen sie an diesem Tresen und diskutierten über den Fall. Seine Stimme hatte schon sehr gelitten. "Vorhin sagte Sie selbst noch, er wisse etwas."
"Das war aus Ärger, weil er nicht mit mir reden wollte." Aha, auch Peyer hatte also Gefühle, dachte Tanner. Peyer hob seinen Cognac - es musste etwa sein achter sein - und trank ihn in einem Zug leer. Erstaunlich, welche Mengen dieser Mann trinken konnte, ohne dass man ihm etwas anmerkte. Er hingegen musste sich immer mehr konzentrieren, damit er Peyer in diesem Lärm verstehen konnte. "Schwaninger ist ein Versager, der einmal im Mittelpunkt stehen will."
„Hugo ist im Leben etwas zu kurz gekommen", gab Tanner zu. "Er hat keine Frau, keine Kinder, sein Hof läuft nicht besonders. Aber er ist immer lustig und beliebt. Ein netter Kerl." Immer mehr wehrte sich seine Zunge gegen das Reden.
"Gerade nette Kerle haben oft dunkle Kerne."
"Na, ihr beiden", flötete eine weibliche Stimme in Tanners Ohr. "Wollt Ihr Euch hier ganz allein betrinken?"
Tanner wandte sich um. Sie hatte riesige braune Augen, lange braune Haare und eine blonde Begleiterin. Die beiden Frauen standen hinter Peyer und ihm, lächelten verführerisch, liessen ihre Wimpern klimpern. Einen Moment lang war er versucht, zur Seite zu rücken und zwei Prosecco zu bestellen. Aber Peyer war schneller. Seine blauen Augen feuerten Eiszapfen auf die beiden Frauen ab.
"Wir wollen keine Gesellschaft", sagte er schneidend. "Danke."
Die Wimpern froren ein, das verführerische Lächeln erstarrte. Die langen braunen und blonden Haare flogen und die beiden Frauen verschwanden in der Menge.
Was war das nur für ein Mensch! Konnte Peyer überhaupt freundlich sein? Hatte einer wie er eigentlich Freunde? Schon wieder sah er ein volles Cognacglas vor ihm stehen. Und wer hatte seinen neuen Whisky bestellt? Aber zurück zu Hugo.
"Wenn nur seinen geheimnisvollen Andeutungen bei mir nicht ssso emossionale ..." Verdammt, das war ein Lallen. Er musste sich zusammen reissen. "... derartig emotionale Reaktionen auslösen würden."
"Ihre Emotionen sind vielleicht ein Problem - aber auch eine Chance."
"Mangelnde Distanz versus Einfühlll...fühlungsvermögen?"
"Erkannt."
"Ich habe immer das Gefühl, dass Hugo ein Schpiel mit mir schpielen will, aber ich kriech nich raus, was er will." So, jetzt war genug. Nur noch diesen Whisky ...
"War er in ihre ehemalige Freundin verliebt, die vor zwölf Jahren getötet wurde?"
"In meine Llllaura?" Er dachte angestrengt nach, was nicht ganz einfach war. Und versuchte sich an damals zu erinnern. "Nein, glaubich nich", antwortete er schliesslich. "Er war immer nur scharf auf Judith."
"Das ist interessant." Peyer schaute ihn forschend an.
Tatsächlich. Wieso war er da selbst noch nicht drauf gekommen? Und wieso war sein Whisky schon wieder leer? War da Eifersucht im Spiel? War am Ende Hugo der Mörder? Aber die Fingerabdrücke waren nicht von ihm ...
"Morgen wird dieser Schwaninger verhört", entschied Peyer. "Und die Herkunft der Rebschere klären wir auch ab."
"Ich rede morng mit Judith. Wegen dieser Sssache und auch, wie Peter Mühle...mensch an den T-tort gekommen ist." Er holte tief Luft. "So, und jetzt ist genuch. Ich will nach Hause." Er wandte sich an den Barkeeper. "Können Sssie bidde ein Taxi rufen?" Der nickte und zückte sein Handy. "Zahlen?", fragte er.
"Geht auf meine Kappe", sagte Peyer, bevor Tanner auch nur nicken konnte. Als er sich bedanken wollte, winkte Peyer nur ab. "Kommen Sie, wir warten draussen auf ihr Taxi."
Der Regen hatte endlich aufgehört. Dafür zog es nun unangenehm kalt durch die Gassen der Altstadt.
"Soll ich Sie ssu Hause absetzen?", fragte Tanner. Verdammt, jetzt machte die Zunge wirklich schlapp.
"Es ist zwar nur eine Viertelstunde zu Fuss, aber da sage ich gerne ja." Peyer artikulierte immer noch spitz und klar.
Er wohnte im Steigquartier, dort wo alte Villen an ruhigen, schmalen Strässchen lagen. "Hier ist es", sagte Peyer und deutete auf ein hohes, aber schon reichlich verwittertes, geschmiedetes Gartentor.
Das Taxi hielt, Peyer verabschiedete sich von ihm, stieg aus und öffnete das Gartentor. Sogar durch die geschlossenen Wagentüren konnte man das Quietschen der bejahrten Angeln hören.
„Warten Sssie", sagte Tanner zum Taxifahrer und sah Peyer nach. Das Haus war halb versteckt hinter einer hohen Hecke. In der Dunkelheit war eine stattliche dreistöckige, etwas bejahrte Villa zu erkennen. Peyer ging hoch aufgerichtet den Plattenweg zum Eingang hoch und kramte in seiner Hosentasche. Er holte einen Schlüsselbund heraus und steckte den Schlüssel ins Schloss. Kein Zögern, keine Unsicherheit. Dem Kerl schien der Alkohol tatsächlich nichts anzuhaben.
Dann geschah - nichts mehr.
Peyer stand starr vor der Tür. Dann sanken seine Arme hinab und er neigte sich langsam nach vorn, bis seine Stirne das Holz der Tür berührte. Seine Knie bogen sich und er sank in die Tiefe. Seine Stirn schrammte an der Tür hinunter, bis die Knie den Boden erreichten. Und dann rührte er sich nicht mehr. Es sah aus, als ob er an Ort und Stelle eingeschlafen wäre.
Tanner grinste.
"Sie können faahn", sagte er zum Taxifahrer.
Am nächsten Morgen fuhr Tanner zuerst mit dem Bus in die Stadt und holte sein Auto. Dann fuhr er zum Mühlemannhof. Mit gemischten Gefühlen. Es kam ihm vor, wie eine Reise in die Vergangenheit. Diese alte Geschichte, die jetzt wieder über ihn hereinbrach, mit all den Auswirkungen, welche die seither vergangene Zeit mit sich gebracht hatte. Zuletzt seine lebensgefährliche Begegnung mit Vater Mühlemann und der Mistgabel.
Gerade als er aus dem Wagen stieg, kam Vater Mühlemann auf einem Rebtraktor daher und verschwand mit Schwung in der Fahrzeughalle. Nicht ohne ihm einen seltsamen Blick zuzuwerfen. Auch der Pudel, der auf seinen Knien hockte, schaute zu ihm her.
"Rebtraktorfahren ist seine grösste Freude, abgesehen von Köbi", hörte er eine weibliche Stimme vom Wohnhaus her. Judith Mühlemann hatte offenbar gesehen, dass er vorgefahren war. "Köbi ist übrigens der Pudel."
"Und ausserdem mag er Mistgabelkämpfe", sagte Tanner gepresst.
"Kurt hat dir wohl das Leben gerettet", sagte sie mit einem breiten Grinsen. Dann wurde sie ernst. "Wirst du Vater anzeigen?"
Er schüttelte den Kopf. Dafür fühlte er sich zu sehr selbst Schuld an der Situation.
"Ich komme nicht deswegen", sagte er. "Ich habe noch Fragen an dich."
"Na schön. Frag." Sie verschränkte die Arme vor der Brust und schaute ihn an.
"Wir wissen nicht, wie Peter an den Tatort gekommen ist. Und auch nicht, wer gewusst haben könnte, dass er dort ist."
"Ich habe auch keine Ahnung", sagte sie kurz. "Wir waren in den Reben."
"Wie ist er eigentlich hierher gekommen?"
"Mit seinem Auto. Das hat die Polizei längst mitgenommen."
"Wo haben sie es gefunden?"
"Hier auf dem Hof. Damit ist er nicht hingefahren."
"Ist er zu Fuss gegangen?"
"Ich sagte doch schon, keine Ahnung. Wir waren am Trauben lesen und hatten keine Zeit, uns um Peter zu kümmern. Und um das, was er tat."
Wusste sie tatsächlich nicht mehr? Es sah so aus. Aber irgendwie spürte er, dass Judith nicht die ganzeWahrheit sagte. Wusste - oder ahnte - sie mehr?.
"Noch etwas andere beschäftigt mich. Als ich dir sagte, dass Hugo Schwaninger behauptete, dich in der Nähe des Tatorts gesehen zu haben, hast du eine eigenartige Bemerkung gemacht."
"Ich war überrascht, dass ausgerechnet Hugo so etwas von mir behauptete."
"Wieso?"
"Hugo steht auf mich."
"Immer noch?"
"Ich bin schliesslich immer noch attraktiv, oder findest du etwa nicht." Ja, das war sie zweifellos - und sie tat auch einiges dafür.
"Ich meine, weil er schon damals scharf auf dich war."
"Damals? Als die Sache mit Laura geschah?"
"Hattest du eigentlich - damals - ein Verhältnis mit Hugo?", fragte er.







