Rebensaft - der Radio Munot Krimi von Hans Rudolf Graf
Folge 7 vom 4. Mai 2009 zum hören
Klienten
Soso, dachte Tanner. Xeno Peyer, der Ermittler der Schaffhauser Kripo betrachtete ihn also nicht mehr als Tatverdächtigen, sondern als Mittel zur Lösung des Falles. Er sass bei Peyer im Büro, und dachte über die Bedeutung dieser Aussage nach. Mittel zur Lösung ... Lösungsmittel ... naja, da konnte man ja mal gespannt sein. Vielleicht verbesserte sich wenigstens ihr gegenseitiges Verhältnis ein Bisschen. Allzu viel erwartete er aber nicht davon.
Mehr erwartet hatte er hingegen von der Fingerabdruckaktion der Schaffhauser Kollegen. Sie hatte trotz grossem Aufwand keinen Tatverdächtigen erbracht. Auch Peyer hatte sich mehr davon erhofft, das war ihm anzusehen. Wenn ein Täter schon so unvorsichtig war, Fingerabdrücke auf der Tatwaffe zu hinterlassen, dann durfte ein Polizist doch auch erwarten, dass er identifiziert werden konnte. Vor allem, wenn in einer grossen Aktion alle, die zum fraglichen Zeitpunkt in der Nähe des Tatortes gewesen sein könnten, untersucht wurden. Aber nein, kein Treffer.
Natürlich war nicht auszuschliessen, dass ein Wildfremder zugeschlagen hatte. Der grosse Unbekannte. Seine lange Erfahrung mit Tötungsdelikten zeigte aber klar: Dieser grosse Unbekannte war ganz selten der Schlüssel zur Lösung. Meistens fand sich das Tatmotiv im engsten Umkreis des Opfers. Also in der Familie, im Bekanntenkreis oder im Job. Viel Wahrscheinlicher war es also, dass jemand die Tat begangen hatte, dem sie bereits begegnet waren.
Peyer schaute ihn aufmerksam an. Was erwartete er von ihm, vom Basler Lösungsmittel? Wollte er, dass er mitdachte? Das konnte er haben. Also: Wer, ausser denen, die ihre Fingerabdrücke abgegeben hatten, konnte ein Mordmotiv haben? Hatten die Kollegen jemanden übersehen?
"Kann ich einen Blick auf die Liste der Personen werfen, die wegen der Fingerabdrücke untersucht wurden? Vielleicht fällt mir dabei etwas auf. Oder ich sehen einen fehlenden Namen."
Peyer nickte stumm, nahm ein grünes Klarsichtmäppchen hervor und gab ihm die darin enthaltene Liste. Er studierte die Namen, las die Liste zwei Mal durch. Dann ging er sie noch ein drittes Mal durch, diesmal von unten nach oben. Irgendwie rührte sich etwas in seinem Hinterkopf. Die Liste schien aber vollständig zu sein, dennoch ging er sie nochmals durch, Name für Name.
Peyer wurde langsam ungeduldig. "Haben Sie etwas entdeckt?"
Tanner schüttelte langsam den Kopf, die Augen immer noch auf der Liste.
"Nein. Aber irgendwie habe ich ein seltsames Gefühl. Im Moment kann ich es nicht fassen. Vielleicht komme ich später drauf, was es ist. Kann ich die Liste haben?"
"Kein Problem. Wir fertigen Ihnen eine Kopie an. Ich wollte Sie aber noch über unsere Nachforschungen zur Vergangenheit des Opfers informieren."
Das hatte er keineswegs vergessen. Seit er Peter Mühlemanns Leiche gefunden hatte, war ständig diese Frage da gewesen. Was hatte sein Freund gemacht, seit er spurlos verschwunden war? Ja - was tat ein Mensch, der sich still und heimlich aus seinem bisherigen Leben verabschiedete? Immer wieder hatte er sich gefragt, was er damals in Peter ausgelöst hatte.
Das war natürlich nicht der Grund, weswegen Peyer entsprechende Ermittlungen anstellte. Er wollte sicher herausfinden, wer noch Grund gehabt haben könnte, Peter zu töten. Und dafür musste man mehr über die fehlenden zwölf Jahre in seinem Leben erfahren.
"Was haben Sie herausgefunden?", fragte er.
"Es war ganz einfach", sagte Peyer. "Wir mussten nur seinen Namen im elektronischen Telefonbuch suchen, alle Namensvettern anrufen und schon hatten wir seine Adresse."
"Er hat unter seinem richtigen Namen gelebt? In der Schweiz? Wie ist das möglich? Wir haben doch damals eine landesweite Fahndung laufen gelassen, sogar mit Vermisstenmeldung im Fernsehen. Ohne das geringste Resultat."
"Was er unmittelbar nach seinem Verschwinden tat, wissen wir nicht. Vielleicht war er vorübergehend im Ausland oder als Obdachloser irgendwo unterwegs. Wir werden sicher noch mehr darüber erfahren. Im Moment ist aber das schon interessant genug, was wir wissen."
"Und das wäre?"
"Unter seinem Namen gibt es nicht nur eine Privatadresse sondern auch einen Firmensitz. Eine Anwaltskanzlei in Genf."
"Er war Anwalt?" Das konnte er kaum glauben. Peter hatte damals zwar Pläne gehegt, eine neue Richtung in seinem Leben einzuschlagen. Von der Eröffnung einer Fallschirmschule hatte er gesprochen. Oder von einer Tauchschule auf den Malediven. Aber nie von einem Jurastudium. "Sind sie sicher, dass keine Verwechslung vorliegt?"
"Absolut. Wir haben den Genfer Kollegen ein Bild von ihm geschickt und die haben in der Kanzlei nachgefragt. Die Sekretärin hat ihn eindeutig wiedererkannt. Und: Er war unseren Kollegen selbst kein Unbekannter."
"Ist er mit dem Gesetz in Konflikt gekommen?"
"Er selbst nicht. Aber er hatte eine illustre Klientel, die er in Strafprozessen vertreten hat."
"Das klingt, wie wenn es Gadhaffis Sohn gewesen wäre."
Was war das? Peyers Mundwinkel verzogen sich für den Bruchteil einer Sekunde zu einer Art Lächeln? "Nicht ganz. Sagt Ihnen der Name Ponomajow etwas?"
Das wurde ja immer bunter. Wer wusste nicht, wer Ponomajow war. Die Zeitungen waren in den letzten Monaten voll gewesen mit Berichten über diesen Geschäftsmann, der im Verdacht stand, Teil der russischen Mafia zu sein. Er war von der Genfer Polizei verhaftet und nach dem Auslieferungsverfahren an Russland übergeben worden.
"Peter war Ponomajows Anwalt?" Er wusste, dass er im Moment kein besonders intelligentes Gesicht machte. Aber egal. Er konnte nur staunen, was er da hörte.
"Nicht allein. Der Russe hatte einen ganzen Anwaltsstab. Laut unseren Kollegen soll er es aber gewesen sein, der die Sache verbockt hat. Ponomajow hat das Verfahren bekanntlich verloren und sitzt nun in Moskau im Gefängnis."
"Und ist stinksauer auf Anwalt Mühlemann?"
"Vermutlich."
Da war er also doch: Der grosse Unbekannte.
Hatte die Russenmafia einen Killer in die Schaffhauser Reben geschickt, um einen Versager von Anwalt zu beseitigen? Das war doch absurd! Aber auf der Welt geschahen so viele absurde Sachen, dass ...
Er wurde von seinem dudelnden Handy aus den Gedanken gerissen. Mit einem entschuldigenden Lächeln an Peyer nahm er ab. Es war Hugo Schwaninger. Langsam wurden ihm Hugos Anrufe lästig. Oder war unheimlich das treffendere Wort?
"Hast du dir eigentlich schon mal Gedanken darüber gemacht, wem Stefan, Kurt Mühlemanns Sohn, ähnelt?", fragte Hugo ohne Einleitung.
"Stefan? Nein, habe ich mir nicht." Halt, das stimmte gar nicht. Als er auf dem Mühlemannhof Stefan getroffen hatte, war ihm aufgefallen, dass er Peter eigentlich mehr ähnlich sah als seinem Vater. Das hatte ihn aber nicht weiter beschäftigt. Peter und Kurt waren Brüder, da lagen die Gene eng beieinander. Doch jetzt hatte Hugo einen Stachel gesetzt. Immer mehr hatte er das Gefühl, dass Hugo ihn benutzen wollte. Doch wofür? Wie auch immer, er wollte sich nicht benutzen lassen. Er winkte Peyer heran, damit dieser das Gespräch mithören konnte.
"Hugo, ich habe schon einmal gesagt, dass du deine Informationen dem Kollegen Peyer geben sollst, nicht mir. Ich habe hier keine Befugnisse für Ermittlungen."
"Und ich habe schon mal gesagt, dass ich diesem Peyer nicht traue. Und er würde die Sache ohnehin nie verstehen. Du hingegen schon."
"Ich bin gerade bei Herrn Peyer, ich gebe ihn dir jetzt", sagte Tanner und reichte Peyer das Handy.
"Peyer", sagte dieser ins Telefon hinein. "Hallo?" Er lauschte noch einen Moment, dann gab er das Gerät zurück. "Aufgelegt. Es scheint, ich habe da ein Akzeptanzproblem", fügte er hinzu und - tatsächlich, schon wieder war eine Art Lächeln in seinem sonst so beherrschten Gesicht zu sehen. "Dieser Schwaninger wird immer suspekter. Der weiss etwas. Ich werde ihn mir einmal zur Brust nehmen."
"Ich bezweifle, dass er Ihnen etwas sagen wird."
"Wir werden sehen. Aber es gibt noch anderes abzuklären."
"Zum Beispiel ist immer noch nicht klar, wem die Rebschere eigentlich gehörte."
"Vielleicht handelt es sich um ein russisches Fabrikat", sagte Peyer.
Er horchte auf. War das jetzt ein Witz gewesen, oder meinte er es ernst? Peyers Miene war nichts anzusehen.
"Und da ist die Frage, wie Peter eigentlich an den Tatort gelangt ist. Übernachtet hat er bei seinem Bruder. Aber wie kam von dort in den Rebberg?"
"Womit beginnen wir?", fragte Peyer wie beiläufig.
Wir! Wollte Peyer tatsächlich seine Mithilfe? Oder spielte auch er ein Spiel mit ihm? Er wurde einfach nicht schlau aus diesem Menschen.







