Rebensaft - der Radio Munot Krimi von Hans Rudolf Graf
Folge 6 vom 6. April 2009
Mist
Tanner sass immer noch in seinem Wagen auf dem Vorplatz des Mühlemannhofes. Gerade hatte er der Schaffhauser Polizei von den Aussagen Hugo Schwaningers berichtet, die sowohl Kurt Mühlemann, den Bruder des Toten Peter, als auch Kurts Frau, Judith tatverdächtig machten. Im Rückspiegel beobachtete er, wie die schönheitsbewusste Judith in ihrem Sportwagen zum Friseurtermin davon fuhr. Wirtschaftlich ging es Mühlemanns offensichtlich nicht schlecht. Vielleicht wäre der Moment jetzt günstig, mit Kurt über die Sache zu reden.
Tanner stieg aus. Der strömende Regen hatte nicht nachgelassen. Er spannte seinen noch nassen Regenschirm wieder auf und ging zum Wohnhaus. Doch bevor er die Tür erreichte, nahm er aus den Augenwinkeln durch das offene Scheunentor, dort, wo jetzt die Weintanks und die Flaschenabfüllanlage standen, eine Bewegung wahr. War Kurt in der Scheune? Er klappte den Regenschirm zu und ging hinein.
"Kurt, bist du hier?", fragte er.
"Was ist?", kam die Antwort.
Aber das konnte nicht Kurt sein. Diese Stimme war alt und brüchig. War es Kurts Vater? Ja, tatsächlich. Joseph - oder Sepp, wie ihn alle nannten - hatte hinter der Tankreihe gestanden und kam nun hervor. Er war kaum wieder zu erkennen. Es war zwar bald zwölf Jahre her, seit er ihn das letzte Mal gesehen hatte. Sepp musste jetzt wohl gegen die Siebzig sein, wirkte aber gebrechlich wie ein Neunzigjähriger. Er ging mit gebeugtem Rücken am Stock. Wässrige Augen schauten ihn an.
"Wer sind Sie", fragte die brüchige Stimme.
"Kennst du mich nicht mehr, Sepp?", fragte er ihn. "Ich bin's, Georg Tanner."
Der alte Mann kam mit schleppenden Schritten zu ihm hin und betrachtete ihn forschend aus kurzsichtigen Augen. Er konnte Sepps säuerlichen Atem riechen, die fettigen Haare waren ungekämmt, seine knochigen Finger um den dicken Knauf des knorrigen Stockes gekrampft.
"Ja", sagte Vater Mühlemann mit fast keuchender Stimme. "Jetzt erkenne ich dich wieder. Du bist Georg." Sein Atem wurde immer tiefer und irgendwie schien es Tanner, dass sich seine Haltung straffte.
"Eigentlich wollte ich zu Kurt", sagte er. "Aber ich freue mich sehr, dass ich dich hier treffe."
"So, du wolltest also zu Kurt", sagte Sepp und liess ihn nicht aus dem Blick. "Wart mal ich hole ..." Ohne den Satz zu beenden, drehte er sich weg und ging aus der Scheune. Wahrscheinlich ging er Kurt holen, dachte Tanner und schaute ihm nach, wie er davon schlurfte. Das Klicken des Stockes auf dem Betonboden verklang langsam. Es war schon traurig, diesen Mann, den er so kraftstrotzend in Erinnerung hatte, nun derart gebeugt wieder zu sehen. Ob er wohl krank war?
Bald waren die schlurfenden Schritte wieder zu hören, aber ohne das Geräusch des Stockes. Offenbar kam Sepp allein zurück. Hatte er Kurt nicht gefunden? Als er in die Scheune zurück kam, sah Tanner, dass Sepp nicht gegangen war um seinen Sohn zu holen, sondern eine Mistgabel. Eine blank geputzte, gut unterhaltene Mistgabel. Mit vier gefährlich blitzenden Zinken.
"Du hast Peter umgebracht", rief ihm Sepp entgegen und ging ohne Vorwarnung mit der Mistgabel auf ihn los. Nun waren die Augen nicht mehr wässrig sondern eisig. Und die Stimme kräftig und laut.
Tanner konnte dem Stoss mit knapper Not ausweichen, aber die Gabel verhakte sich mit einer Zinke in seinem Mantel.
"Das stimmt nicht", sagte er ungläubig. "Ich habe Peters Leiche zwar gefunden, aber ich bin nicht sein Mörder." Es gelang ihm, den Mantel frei zu bekommen und ein paar Schritte zurückzuweichen. Viel weiter zurück konnte er dann aber nicht mehr, dachte er, denn bald musste er bei den Weintanks sein. Er hob seinen Schirm, die einzige - naja - Waffe, die er im Moment hatte. Damit wehrte er den nächsten Stoss des alten Mannes ab und floh hinter die Abfüllanlage. Doch da war nicht viel Platz. Die Länge der Mistgabel reichte aus, um ihn zu treffen. Und das versuchte Sepp auch entschlossen. Immer wieder stiess er die Gabel in Richtung Tanner, mal auf Kopfhöhe mal tiefer und Tanner wehrte mit dem Schirm ab.
"Du hast ihn nicht gestern getötet", keuchte Sepp, "sondern vor langer Zeit. Als du ihm Laura wegnahmst."
"Sie hat ihn verlassen, es war ihre Entscheidung", verteidigte er sich keuchend.
"Von da an war er nicht mehr der Gleiche - damals ist er gestorben." Wieder holte Vater Mühlemann zum Stoss aus.
"Was ist denn hier los", rief jemand vom Eingang her. Gott sei Dank, Kurt war da.
"Ich räche Peter", sagte Sepp keuchend. Schweiss stand auf seiner Stirn. "Und du solltest mir dabei helfen, er war schliesslich dein Bruder."
"Georg hat ihn nicht getötet. Lass ihn in Ruhe", rief Kurt, dem das Entsetzen im Gesicht stand. Er näherte sich seinem Vater, der wieder zu einem Stoss ausholte. Diesmal gelang es Tanner, den Schlag zu parieren und die Gabel mit der Linken zu fassen. Das nutzte Kurt aus und packte Sepps Arm. Doch der schüttelte ihn und auch Tanners Hand mit einer wütenden und überraschend kraftvollen Bewegung ab und stiess erneut zu. Tanner duckte sich und nun konnte Kurt seinen Vater von hinten festhalten.
"Lass mich los, du Verräter. Hilf mir den Mörder zu richten", zischte der.
Doch Kurt hielt seinen bebenden Vater fest und rang mit ihm um die Gabel. "Fahr los, Georg", rief er. Tanner zögerte, bis Sepp die Gabel aus der Hand fiel und Kurt sie mit dem Fuss wegstossen konnte. Dann verliess er die Scheune, liess die beiden streitenden Männer zurück.
Stunden später sass Tanner an einem Tisch, ass irgendeine Pizza und stierte auf den Fronwagplatz hinaus. Was um ihn herum geschah, erreichte ihn wie durch Watte. Der Hass in den Augen des alten Mühlemann hatte ihn schockiert. Dieser Fall entwickelte sich für ihn immer mehr zu einem Horrortrip in die Vergangenheit. Längst bewältigt geglaubt Ereignisse kamen wieder mit aller Macht hoch.
Als er den Mühlemannhof verlassen hatte, war er erst ziellos in der Gegend herumgefahren. Ein aufgeregter Anruf seiner Mutter hatte ihn vorübergehend zurück in die Welt geholt. Die Schaffhauser Polizei war bei ihr, weil sie die Fingerabdrücke aller Leute sammelte, welche zur Zeit des Leichenfundes dort in der Nähe gewesen waren. Er hatte ganz vergessen, dass diese Aktion der Polizei auch seine Verwandten betraf. Mutter wollte wissen, ob sie verpflichtet seien, ihre Fingerabdrücke zu geben. Er bat sie, die Arbeit der Polizei zu unterstützen.
Dann war er in der Stadt gefahren und lange planlos in den Gassen herumgeirrt, versunken in wild kreisenden Gedanken, in Schuldgefühlen. Irgendwann hatte er dann Hunger verspürt und diese Pizza bestellt. Nun schluckte er den letzten Bissen hinunter und beschloss, bei der Polizei vorbei zu gehen.
Er wurde von Xeno Peyer, dem mit dem Fall betrauten Ermittler der Schaffhauser Kriminalpolizei, empfangen - überraschend freundlich.
"Die Obduktion der Leiche hat interessante Ergebnisse gebracht", sagte er.
Aha, dachte Tanner. Sie werden jetzt wohl auch herausgefunden haben, dass die Rebschere allein Peters Tod nicht verursacht haben konnte. Niemand blieb mit einer zerfetzten Halsschlagader einfach liegen und wartete auf den Tod.
"Die Verletzung mit der Rebschere war nicht die alleinige Todesursache. Der dadurch verursachte Blutverlust für sich war zwar auch lebensbedrohend. Gestorben ist Herr Mühlemann aber an einer Hirnblutung."
"Also eine Kopfverletzung. Der berühmte stumpfe Gegenstand?"
"Genau."
"So weit ich mich erinnern kann, lag in der Nähe der Leiche nichts, das dafür in Frage käme. Höchstens vielleicht ein Stein."
"Nicht einmal das."
"Und die Fingerabdrücke auf der Rebschere? Haben Sie von allen Leuten die Abdrücke nehmen können?"
"Die Aktion ist reibungslos über die Bühne gegangen. Wir haben die Abdrücke aller, die sich nach unseren Ermittlungen zum fraglichen Zeitpunkt in der Nähe des Tatortes aufhielten. Insgesamt dreiundvierzig Personen."
"Und?"
"Keine Übereinstimmung."
"Also weder ich, noch Judith oder Kurt Mühlemann noch Hugo Schwaninger?"
"Und viele andere auch nicht."
"Lieber Herr Peyer, ich staune", sagte Tanner. "Sie geben mir hier bereitwillig Informationen zu einem laufenden Fall. Zählen Sie mich nicht mehr zum Kreis der Verdächtigen?"
"Wir sehen sie nicht mehr als das Problem sondern als Mittel zu dessen Lösung."
"Ach ja?"
"Wir vermuten, dass der Fall tatsächlich mit den Ereignissen von vor zwölf Jahren zusammen hängt. Deshalb haben wir auch nachgeforscht, was der Tote seit damals gemacht hat."







