Rebensaft - der Radio Munot Krimi von Hans Rudolf Graf

Folge 5 vom 9. März 2009

Der Junge

 

Am nächsten Morgen fuhr Tanner zum Hof von Kurt Mühleman, dem Bruder des Toten. Er hielt sein Auto auf dem grossen Hofplatz an und schaute sich durch die laufenden Scheibenwischer um. Rechts war das liebevoll renovierte, sicher weit über hundert Jahre alte Wohnhaus. Die angebaute ebenso alte Scheune mit zwei grossen Toren sah ebenfalls frisch überholt aus. Das linke Tor der Scheune stand offen und erlaubte den Blick auf eine Reihe grosse Chromstahltanks sowie eine Flaschenabfüllanlage. Mühlemanns kelterten und verkauften ihren Wein offenbar selbst. Eine grosszügige, moderne Fahrzeughalle schloss den Platz links ab. Davor standen zwei brandneue Traktoren und drei Anhänger mit leeren Traubenstanden.

Es war lange her, als er das letzte Mal auf dem Mühlemannhof gewesen war. Damals war er ziemlich heruntergekommen gewesen, denn der Vater hatte eher unglücklich gewirtschaftet. Kurt war da ganz anders. Es war erstaunlich, was er aus dem Hof gemacht hatte. Wo der Vater jetzt wohl wohnte? Lebte er überhaupt noch?

Tanner stieg aus, nahm den Schirm vom Rücksitz und spannte ihn auf. Die Wettervorhersage hatte Recht behalten; es regnete schon den ganzen morgen in Strömen. Hoffentlich war Judith, Kurts Frau zu Hause. Er musste unbedingt mit ihr sprechen. Er musste wissen, ob die Behauptung von Hugo Schwaninger richtig war, dass Judith kurz vor dem Leichenfund in der Nähe des Fundortes gewesen sei.

Er ging in Richtung Wohnhaus. Da öffnete sich die Haustür und ein Junge in grün-gelbem John-Deere-Overall kam heraus. Das musste der ältere Sohn von Judith und Kurt sein.

"Bist du Stefan?" fragte er ihn.

"Ja", antwortete der Junge kurz und blieb stehen. "Und wer sind Sie?"

"Georg Tanner."

"Kenne ich nicht."

"Ich wohne auch schon lange nicht mehr hier, sondern in Basel."

"Weshalb sind sie weggegangen?"

"Weil ich dort Arbeit gefunden habe."

"Was arbeiten Sie?" Ein aufgeweckter Bursch, dieser Stefan. Irgendwie erinnerte er ihn an Peter. Der war auch immer so neugierig gewesen.

"In bin bei der Polizei."

"Ach so. Verkehr regeln und Bussen verteilen." Der Junge wirkte enttäuscht. Wäre er nicht aus einem anderen Grund hier gewesen, hätte er ihm vielleicht von seinem wirklichen Job erzählt.

"Ich möchte mit deiner Mutter reden. Ist sie da?"

"Sie haben Glück, sie wollte grad zum Friseur."

"Holst du sie mal?"

"Geht klar."

Bevor der Junge Im Hauseingang verschwinden konnte, fragte er ihn: "Sag mal, wie alt bist du eigentlich?"

"Im März werde ich dreizehn. Wieso?"

"Ach, nur so ..." Im März würde Stefan also dreizehn ... Das heisst, er war etwa ein halbes Jahr nach dem Verschwinden von Peter, seinem Onkel, geboren worden.

Judith kam an die Tür und schaute hinaus. Sie trug einen dunkelblauen Hosenanzug und schwarze, hochhackige Schuhe. So kleidete sie sich also für den Friseur. Sie war auch mit Ende Dreissig noch eine sehr attraktive Frau. Schon früher hatte sie viel auf ihr Äusseres gegeben und damit so Manchem den Kopf verdreht. Wahrscheinlich waren fast alle Männer der Gegend in sie verknallt gewesen. Nur Peter und er selbst nicht, denn für sie beide waren Laura verfallen gewesen.

Kaum hatte sie ihn unter seinem Regenschirm stehen gesehen, huschte ein Lächeln über ihr Gesicht. Ihre neckischen Wangengrübchen hatte sie immer noch.

"Georg? Bist du das wirklich? Wir haben uns ja schon ewig nicht mehr gesehen."

"Es ist scheint's die Zeit der Wiedersehen."

Ein Schatten fiel auf ihr Gesicht. "Nicht jedes Wiedersehen ist erfreulich ..."

"Ihr habt Euch über Peter nicht gefreut? Ich hätte ein riesiges Hallo erwartet."

"Anfangs haben wir uns schon gefreut." Mehr sagte sie nicht. Interessant.

"Und du? Mit welchen Absichten kommst du?" Gross konnte ihre Freude über das Wiedersehen mit ihm nicht sein. Nicht einmal ins Haus bat sie ihn.

"Ich muss dich etwas fragen. Du weisst wahrscheinlich, dass ich Peter gefunden hat. Sicher kannst du dir vorstellen, wie ich erschrocken bin, als ich ihn erkannte."

"Du hast ihn gefunden? Nein, das wusste ich nicht", sagte sie mit aufgerissenen Augen. Dann verengten sie sich. „Das hat schon eine gewisse Ironie, wenn man bedenkt, was du ihm damals angetan hast."

"So würde ich das zwar nicht sagen, aber wegen dieser alten Geschichte stehe ich jetzt unter Tatverdacht."

"So ein Quatsch. Wenn einer von euch beiden Grund gehabt hätte, den anderen umzubringen, dann Peter dich."

"Ja, danke für deine Aufmunterung. Das habe ich gebraucht."

"Was wolltest du nun von mir wissen?" fragte sie ohne darauf einzugehen.

"Ich habe Peter gestern nach dem Mittagessen gefunden. Kurz vorher hat jemand gesehen, dass du aus den Reben beim Fundort gekommen bist."

"Was?", rief sie. Jetzt waren ihre Grübchen zwar auch wieder da, aber ihr Gesicht wirkte alles andere als fröhlich. "Und so etwas glaubst du? Dabei sollte dir doch klar sein, dass ich in der Lesezeit gar nicht dort sein konnte. Ich war bei meinen Leuten. Mittagessen servieren." Ihre entsetzte Mimik war überzeugend. Aber dass sie gleich ein Alibi mitlieferte, war doch etwas viel. Oder nicht?

"Wer sagt, dass ich das glaube - ich frage immerhin nach. Mir kam die Aussage nämlich auch ziemlich seltsam vor."

"Jaja, kann schon sein." Ihre Augen sagten aber, dass sie ihm nicht glaubte. "Wer will mich denn dort angeblich gesehen haben?"

Sollte er ihr den Namen sagen? Schliesslich war da sein seltsames Gefühl, dass mit Hugos Aussage etwas nicht stimmte. Es konnte deshalb interessant sein, ihre Reaktion auf den Namen zu sehen.

"Es war Hugo Schwaninger", sagte er.

"Hugo?", rief sie. Dann wurde ihr Blick nachdenklich. "Ausgerechnet Hugo."

"Was willst du damit sagen?"

Sie blickte stumm zu Boden. Dann wandte sie sich unvermittelt ab und machte Anstalten, ins Haus zu gehen.

"Das sage ich dir ein anderes Mal. Ich habe jetzt keine Zeit mehr, muss zum Friseur, tschüss." Sie schloss die Haustür. Vor seiner Nase.

Erstaunlich, dieser Abgang. Ganz klar, da steckte etwas dahinter, von dem er bisher keine Ahnung hatte. Es war sicher nicht das letzte Mal, dass er mit Judith über die Sache gesprochen hatte. Er schaute noch immer die geschlossene Haustür an, als sein Handy dudelte. Er nahm ab und ging zurück zum Wagen.

"Hallo Georg, hier ist Hugo." Ausgerechnet Hugo, echote er in Gedanken.

"Ja, an dich habe ich auch grad gedacht."

"Das freut mich aber, hahaha." Hugos lautes Lachen erstarb und wich einem geheimnisvollen Tonfall. "Ich habe noch eine interessante Information für Dich."

"Soso. Noch eine über Judith?"

"Nein, über Kurt."

"Waren die beiden zusammen in den Reben beim Tatort?"

"Das weiss ich nicht. Aber ich weiss, dass Kurt für die Tatzeit kein Alibi hat."

"Woher hast du das nun wieder?"

"Ich rede halt mit den Leuten, und da erfahre ich das Eine oder Andere."

"Und wieso erzählst du das mir und nicht der Polizei."

"Bei dir ist es besser aufgehoben. Tschüss." Er hängte auf.

Schon wieder so ein Gespräch, das mehr Frage stellte, als beantwortete. Mit dem gleichen abrupten Ende. Langsam wurde ihm das zu bunt. Er hatte das Gefühl, dass Hugo versuchte, ein Spielchen mit ihm zu spielen. Was für ein Spiel das war, konnte er sich allerdings noch nicht ausmalen. Klar, man könnte sich vorstellen, dass Hugo der Täter war, immerhin, war er in der Nähe des Tatortes gewesen. Und nun versuchte er, andere verdächtig zu machen. Aber auch Judith verschwieg gewisse Dinge. Es war jetzt Zeit, die Schaffhauser Kollegen zu informieren.

 

"Soso", sagte Xeno Peyer, der mit dem Fall betraute Ermittler der Schaffhauser Polizei. "Man hat also mehr Vertrauen zu einem Tatverdächtigen als zur Ermittlungsbehörde und teilt dem auch noch wichtige Fakten mit."

"Das sollte Ihnen doch zu denken geben, nicht wahr?"

"Sie pochen also wieder auf Ihre Unschuld."

"Immerhin gehörte die Rebschere nicht mir. Haben Sie denn schon herausgefunden, wer der Eigentümer ist? "

„Wir werden es bald wissen. Es sind Fingerabdrücke darauf vorhanden."

"Aaah, ein unvorsichtiger Mörder! Das hat man immer gern. Jetzt brauchen Sie nur noch die Fingerabdrücke aller möglichen Leute aus dem Umfeld des Toten."

"Die beschaffen wir uns heute. Es ist alles vorbereitet."