Rebensaft - der Radio Munot Krimi von Hans Rudolf Graf
Folge 4 vom 9. Februar 2009
Die Vögel
"Du hast also etwas beobachtet", sagte Tanner zu Hugo Schwaninger. Er spürte, dass sich seine Mundwinkel zu einem etwas geringschätzigen Lächeln verzogen. Genau das war das Problem von Hugo: Man konnte ihn nicht richtig ernst nehmen. Er war immer gut für einen lockeren Spruch, aber keiner erwartete etwas Wichtiges von ihm.
"Ich hatte Probleme mit dem Bührer. Er hat immer wieder gestottert wie ein Schulbub vor seinem geheimen Schatz. Das wollte ich in Ordnung bringen, wir brauchten ihn schliesslich für die Standen. Damit es uns nicht so erginge wie damals, als der Müller ihn mit seinem Fendt auf die Hörner nahm."
Eben: lockere Sprüche konnte Hugo machen, besonders wenn es um seinen geliebten Oldtimertraktor ging. Aber Tanner war nicht in der Stimmung, sich das anzuhören. Er versuchte Tempo zu machen.
"Gut. Und dann", sagte er. Aus einem offenen Fenster an der Rosengasse dröhnte ein Schlagzeugduo heraus. Er musste gut hinhören, damit er Hugo verstand.
"Dann bin ich aufgestanden - also ich hatte vorher auf den Knien hinter dem Traktor gekauert, weil die Brennstoffzufuhr ..."
"Jaaa, hoch interessant."
"Ich komme gleich zum Punkt. Ich bin also aufgestanden und da ist plötzlich ein Schwarm Stare über meinen Kopf gerauscht." Er verstummte. Also war es vermutlich das, was er so wichtiges sagen wollte. Stare! Und deswegen rief er an?
"Bist du neuerdings Ornithologe, dass dich ein paar Vögel so begeistern."
"Nein, versteht doch, die sind aus Mühlemanns Reben aufgeflogen."
"Der Vogelschreck wird geknallt haben."
"Mühlemanns haben den Rebberg schon gestern abgeerntet und den Vogelschreck gleich abgebaut."
"Dann sind sie halt wegen sonst irgendwas erschrocken."
"Eben. Und ich weiss auch wovon."
"Hast Du den Bührer gestartet? Davon würde ich auch erschrecken."
"Du nimmst mich nicht ernst, Georg. Da war jemand in den Reben und hat sie aufgescheucht."
"Wahrscheinlich war ich das, als ich gestürzt bin."
"Es war kurz bevor du hinunter bist und die Leiche gefunden hast."
Eigenartig, dass Hugo so darauf beharrte. War da doch etwas dran? Peter war schliesslich noch nicht lange tot gewesen, als er ihn fand. War der Mörder etwa so kurz vorher noch in den Reben gewesen?
"Hast Du diesen Jemand gesehen?"
"Ja, sie ist kurz nach dem Schwarm aus den Reben gekommen und auf der Strasse weggegangen."
"Sie?"
"Judith."
"Judith? Welche Judith?"
"Na, Judith Mühlemann, die Frau von Kurt."
"Bist du sicher?"
"Wenn ich's doch sage."
"Aber es war stockdicker Nebel, wie kannst du dir da so sicher sein?"
"Gopfridschtutz, ich habe sie eben erkannt. Das genügt doch!" Ohne ein weiteres Wort legte Hugo auf.
Tanner betrachtete das stumme Handy in seiner Hand. So wütend hatte er den sonst immer fröhlichen Hugo noch nie erlebt. Mit hochgezogenen Augenbrauen steckte er das Telefon in die Hosentasche. Er überquerte langsam die eigenartigen gelben und roten Schotterflächen des Herrenackers und dachte nach.
Wenn Judith in den Reben war und sich auch die Stare darin aufgehalten hatten, dann musste sie sich eine rechte Zeit lang ganz ruhig verhalten haben. Sonst wären die Vögel längst weggeflogen - oder gar nicht erst gekommen. Sie musste also gestanden oder gesessen haben und - was getan haben? Er konnte es sich nicht anders vorstellen, als dass sie die Leiche ebenfalls gefunden hatte. Und dann vor Schreck erstarrt war? Oder was? Oder hatte sie etwas mit Peters Tod zu tun? Steckte am Ende ihre Rebschere in seinem Hals?
Sie und Peter, damals ... war der Grund für Peters Ermordung doch in dieser unseligen alten Geschichte zu suchen? Er musste unbedingt mit Judith reden.
Halt! Die Rebschere! Die ganze Zeit schon hatte in seinem Hinterkopf der vage Gedanke gekreist, dass damit etwas nicht stimmte. Jetzt war der Gedanke da, klar wie Kristall. Peter war tot und in seinem Hals steckte eine Rebschere. Starb man denn wirklich an einer Rebschere im Hals? Natürlich blutete eine Verletzung, die die Halsschlagader zerfetzte, wie eine Sau. Aber wenn man so etwas reingerammt bekam, riss man sich das Ding doch zuerst einmal aus dem Hals, rannte schreiend herum und blutete die ganze Gegend voll. Keinesfalls legte man sich auf den Bauch, blieb reglos liegen und wartete auf den Tod.
Schon wieder dudelte sein Handy. Es war Robert Hauer.
"Du kannst noch nicht weit weg sein", sagte er.
"Herrenacker."
"Eben. Peyer ist zurück. Er hat noch ein paar Fragen an Dich."
Peyer stand einen Meter neben Hauers Schreibtisch als Tanner das Büro betrat, und schaute aus dem Fenster. Wie die Tür ins Schloss fiel, drehte er sich um. Er wirkte wie ein Racheengel in Anzug. Seine eisblauen Augen musterten Tanner, die Hände hatte er hinter dem Rücken verschränkt. Ohne Begrüssung begann er zu sprechen.
"Wir haben Kurt Mühlemann über den Tod seines Bruders informiert."
"Ist er doch noch aufgetaucht. Wie hat er auf die Nachricht reagiert?"
"Er wusste bereits, dass sein Bruder wieder da war."
"Schon lange?"
"Seit gestern, sagte er. Er habe einfach dagestanden, als sie am Abend von der Traubenabgabe zurückkamen."
"Und wie hat er darauf reagiert?"
"Er habe sehr gestaunt."
"So wie Sie das sagen, glauben Sie ihm nicht?"
"Erschrocken ist er hingegen als ich ihm sagte, dass sein Bruder kaum aufgetaucht schon tot war."
"Und was sagte seine Frau."
Peyers Augen schauten mit einem Mal sehr neugierig. "Mühlemanns Frau? Wir haben sie nicht befragt. Weshalb wollen Sie das wissen?"
Sollte er Peyer den Grund sagen? Sollte er ihm von Hugos Beobachtung berichten, und davon, was wegen der Geschichte mit Laura sonst noch vor dreizehn Jahren geschehen war? Aber irgendwie ging es ihm wie Hugo. Er verspürte keine Lust, diesem eiskalten Menschen von sich aus etwas zu erzählen. Er zuckte scheinbar gleichgültig mit den Schultern.
"Peter war immerhin ihr Schwager."
Peyers Blick sagte ihm, dass er mit dieser Antwort nicht zufrieden war.
"Hinter Ihrer Frage steckt doch mehr. Sagen Sie es uns."
"Was soll denn mehr dahinterstecken? Es werden noch viele Leute auftauchen, die über die plötzliche Rückkehr des Totgeglaubten staunen und sich so ihre Gedanken darüber machen."
"Das ist anzunehmen. Ich wollte aber wegen etwas anderem mit Ihnen reden. Herr Mühlemann hat uns nämlich etwas sehr Interessantes erzählt. Er sagte, dass Sie seinen Bruder vor dreizehn Jahren fast erschlagen hätten."
Tanner schauderte. Jetzt kam auch das noch auf den Tisch. Wie wenn diese Sache nicht so schon eine einzige Tragödie wäre. Das alles entwickelte sich zu einer regelrechten Vergangenheitsbewältigung für ihn.
"Nachdem Peter erfahren hatte, dass Laura ihn meinetwegen verlassen würde, hat er mich vor ihrem Haus abgepasst und angegriffen. Ich musste mich wehren."
"Er schwebte damals in Lebensgefahr."
"Ich selbst habe die Ambulanz gerufen und ihn in die Notfallstation begleitet." Er schaute Robert Hauer an. "Du hast das damals doch mitbekommen. Darüber gibt es ausserdem einen Bericht im Archiv. Lesen sie ihn, Herr Peyer."
"Das werde ich tun. Aber ich frage mich, ob Sie heute nicht die Gelegenheit genutzt haben könnten, um die damals unvollendete Arbeit abzuschliessen."
"So ein Blödsinn. Er war mein bester Freund. Dem ich die Geliebte weggenommen hatte. Ich hatte nie einen Grund ihn zu töten - und einen Kampf gab es heute auch nicht. Ausserdem haben Sie doch selbst festgestellt, dass die Rebschere in seinem Hals nicht mir gehört."
"Wir werden schon noch herausfinden, was in diesem Rebberg genau vor sich gegangen ist. Jedenfalls brauchen wir Fasern von Ihrer Kleidung und eine Speichelprobe für die DNA."







