Rebensaft - der Radio Munot Krimi von Hans Rudolf Graf

Folge 3 vom 12. Januar 2009

Der Verdacht 

 

"Sie wissen also, wer der Tote ist?" fragte Peyer.

"Ich kenne ihn von früher", antwortete Tanner. „Habe ihn aber seit mehr als zwölf Jahren nicht gesehen." Es war für ihn nicht einfach, über den Toten zu sprechen. Als er ihn vorhin erkannt hatte, waren auf einen Schlag alte, verheilt geglaubte Wunden wieder aufgebrochen. Er holte Luft. „Es ist Peter Mühlemann."

Seine Mutter schaute ihn mit einer fragenden Miene an. Auch Hugo Schwaninger, der immer noch bei ihnen stand, zeigte keine Reaktion auf diesen Namen.

"Der Bruder von Kurt Mühlemann, unserem Rebennachbarn", ergänzte Tanner.

"Was? Aber der ist seit Jahren verschollen", sagte Mutter mit grossen Augen.

"Würden Sie mich bitte ins Bild setzen?" forderte Peyer.

"Aaaach", sagte Hugo Schwaninger plötzlich. "Deeer Peter. Mit dem hattest Du doch damals einen riesigen Krach." Er runzelte die Stirn. "War das nicht wegen dieser - wie hiess sie gleich ...?"

"Herr Schwaninger", sagte Peyer. "Gehen sie bitte zum Streifenwagen und warten dort. Ich möchte mich nachher noch mit Ihnen unterhalten."

Tanner merkte es Hugo an, dass ihm das nicht passte. Aber schliesslich ging er, wie geheissen, zum Streifenwagen.

"Wie war das nun mit diesem Peter Mühlemann?" fragte Peyer und schaute Tanner an. Jetzt war es wohl soweit. Er musste die Geschichte erzählen.

"Wir haben uns in der Kantonsschule kennen gelernt und haben zusammen die Matura gemacht. Waren zusammen im Militär, Offiziersschule alles."

"Georg und Peter waren eigentlich unzertrennlich", sagte seine Mutter.

"Wie kam es zum Zerwürfnis?" fragte Peyer.

"Wegen Laura", sagte seine Mutter. Tanner nickte langsam.

"Laura war zuerst Peters Freundin, hat sich dann aber für mich entschieden. Sie war meine grosse Liebe. Wir sind dann zusammen nach Basel gezogen."

"Schon das war schlimm für Peter. Aber das wirkliche Desaster kam noch", sagte Mutter und schaute Tanner aus den Augenwinkeln an. Er erzählte weiter.

"Eines Abends gerieten Laura und ich völlig unschuldig in einer Basler Bar in eine Messerstecherei. Laura wurde dabei tödlich verletzt." Unausweichlich kamen die alten Bilder in ihm hoch. Er sah sich wieder in der Bar am Boden sitzen, die schwer verletzte Laura in den Armen, die noch in der Bar an ihrer Verletzung starb. "Peter hat mir die Schuld an ihrem Tod gegeben."

"Auf diesen Streit hat Herr Schwaninger vorhin angespielt?", fragte Peyer.

"Ja. Wenig später ist Peter spurlos verschwunden."

"Alle waren überzeugt, dass er Selbstmord begangen hatte", sagte Mutter.

"Das Ganze war für mich eine einzige Katastrophe", sagte Tanner. "Es hat über zehn Jahre gedauert, bis ich den Verlust meiner Freundin - und meines besten Freundes - einigermassen überwunden hatte."

"Du hast ihn wirklich eindeutig erkannt? Nach so vielen Jahren?" Seine Mutter konnte es ihm offenbar immer noch nicht glauben.

"Ich habe die Narbe an der Schläfe gesehen. Sie stammt von einem Nachtsprung mit dem Fallschirm. Wir landeten beide im gleichen Baum. Er hat sich dabei an der Schläfe verletzt."

"Interessante Geschichte", sagte Peyer und riss ihn aus seinen Erinnerungen. Die eiskalten Augen des Polizisten sagten ihm deutlich, was dieser dachte. Die Bemerkung von Hugo Schwaninger, dass er nach dem Fund der Leiche ausgesehen habe wie nach einem Kampf. Und nun diese Geschichte - das musste einen Polizisten nachdenklich machen.

 

In der Zwischenzeit hatten sich die beiden Kollegen Peyers in weisse Plastikoveralls und blaue Plastiküberschuhe gekleidet. Sie luden mehrere Metallkisten aus dem Wagen aus und trugen sie zum Fundort der Leiche. Das war nicht einfach, denn der rutschige Untergrund bot den plastikbezogenen Schuhen nur wenig Halt. Es war eine leichte Bise aufgezogen, die den Nebel allmählich auflockerte und bald wohl ganz vertreiben würde. Man konnte nun auch von der Flurstrasse her erkennen, dass eine Leiche in den Reben lag. Die vielen Schaulustigen werweissten, wer dort lag.

"Sie kennen dieses Gerät?" fragte ihn Peyer und wies zu seinen beiden Kollegen hinunter, die in einigen Metern Abstand von der Leiche ein Stativ mit einem komplizierten Instrument aufbauten.

"Das dürfte ein Laserscanner sein."

"Wir arbeiten mit der Universität Bern zusammen, die eine Software für dreidimensionale Tatortrekonstruktionen entwickelt hat. Zusammen mit ebenfalls dreidimensional erfassten rechtsmedizinischen Befunden können wir den Tathergang am Computer virtuell simulieren." Der Polizist schaute ihn intensiv an.

"Herr Peyer", rief einer seiner Kollegen. „Wir haben die Tatwaffe gefunden. Sie werden es nicht glauben. Es ist eine Rebschere." Unter den Umstehenden ging ein allgemeines Raunen und Tuscheln los.

Tanner fühlte wieder Peyers Blick auf sich.

"Ja, das hatte ich noch gar nicht erwähnt", sagte er leise.

"Wo ist Ihre Rebschere?", fragte Peyer.

Diese Frage musste ja kommen. "Die sollte in unserem Rebhäuschen sein."

"Zeigen Sie sie mir."

 

Am Abend fuhr Tanner nach Schaffhausen in die Polizeizentrale. Bis dahin hatte er die Arbeit der Kollegen in den Reben beobachtet und bei der Spurenaufnahme insofern geholfen, als er angab, welche Spuren bei der Leiche von ihm stammten. Die übrigen Tanners hatten sich wieder auf die drohende Regenfront besonnen und die Traubenlese fortgesetzt. Auch die anderen Weinbauern waren nach und nach wieder an die Arbeit gegangen. Man hatte auch versucht, Kurt Mühlemann, den Bruder des Opfers zu informieren, hatte ihn jedoch nicht erreicht. Nun war der Tatort geräumt, die Leiche abgeholt und die Polizei abgezogen.

In der Polizeizentrale wollte er mit seinem Kollegen Robert Hauer reden, der jetzt Kripochef war. Um ihm seine Mitarbeit im Fall anzubieten.

"Du weisst, dass es nicht üblich ist, auswärtige Kollegen in Ermittlungen einzubinden", sagte Hauer. "Bei dir könnte man zwar eine Ausnahme machen, weil du von hier bist und Land und Leute kennst."

"Aber?"

"Ich kann dich aus zwei Gründen dennoch nicht ins Ermittlungsteam nehmen." Er schaute ihn ernst an. "Erstens bist du emotional zu stark involviert. Wegen dieser alten Geschichte mit deiner Freundin. Du hattest ein belastetes Verhältnis zum Toten - das stellt deine Objektivität in Frage." Hauer verstummte.

"Und der zweite Grund?" fragte Tanner.

"Für Peyer bist du tatverdächtig."

Das war ihm längst klar, auch wenn es natürlich absurd war, schliesslich hatte er Peter gefunden, als der bereits tot war. Aber an Hauers Stelle hätte er wahrscheinlich gleich entschieden.

"Kann ich nachvollziehen", sagte er. „Und bin ich für dich auch tatverdächtig?"

Hauer holte tief Luft. „Du hättest Peters Tod niemals gewollt. Dafür ist dein schlechtes Gewissen ihm gegenüber viel zu gross. Aber wenn er auf dich losgegangen ist und du in Notwehr gehandelt hast? Du weisst, wie man sich wehrt."

"Mit einer Rebschere?"

"Wenn grad nichts anders da ist ..."

"Es war nicht meine Rebschere", sagte er und sah Hauer in die Augen. Klar, an dieser Situation konnte er im Moment nichts ändern. Die Ermittlungen würden seine Unschuld schon zeigen. Im Moment wollte er wenigstens seine Neugier stillen.

"Dieser Peyer. Was ist das für Einer? Er stammt offenbar aus Schaffhausen aber benimmt sich wie in einem Hollywoodfilm."

"Er ist ein eigenartiger Mensch. Man wird nicht warm mit ihm. Hat Geld wie Heu - alles geerbt. Er müsste nicht arbeiten. Tut es aber - ausgerechnet bei der Polizei."

"Ist er auf irgendeiner Art Mission?"

"Ich weiss es nicht. Man kann ihn nicht durchschauen. Aber eines musst du wissen: Er ist ein verdammt guter Ermittler."

"Wir werden sehen. Die nächsten paar Tage habe ich noch frei. Solange bleibe ich in Schaffhausen. Und nachher weisst du, wo ich zu erreichen bin."

Er verliess die Polizeizentrale und ging die Rosengasse hinauf in Richtung Herrenackerparkhaus. Da läutete sein Mobiltetefon. Es war Hugo Schwaninger.

"Du hast mich ganz schön in die Scheisse geritten, mit deinen unbedachten Bemerkungen", sagte er. Hugo sollte merken, dass sein loses Maul ein Problem war.

"Tut mit echt leid. Es ist bei mir einfach so. Alles, was mein Hirn quert, geht gleich zum Mund raus. Aber manchmal kann ich es zurückhalten. Bei diesem Peyer zum Beispiel. Ich möchte dir nämlich etwas sagen, was ich dem nicht sagen werde."

"Und was willst du mir sagen?"

"Ich habe etwas beobachtet."