Rebensaft - der Radio Munot Krimi von Hans Rudolf Graf

Folge 2 vom 15. Dezember 2008

 

Scherenschnitt

 

Das darf doch nicht wahr sein, dachte Tanner. Sogar im Traubenurlaub lassen mich die Leichen nicht in Ruhe. Gerade noch hatte er sich gefreut, dass die üblen Fälle in Basel und somit weit weg waren - und nun dies.

Er ging neben der Leiche in die Hocke. Der Mann lag auf dem Bauch und - kein Zweifel - er war tot. Da redeten die offenen, leer in Richtung Boden starrenden Augen eine klare Sprache. Er versuchte, am Hals den Puls zu fühlen, fand aber keinen. Lange konnte der Mann noch nicht tot sein, denn die Haut war warm und das Blut, welches aus einer hässlichen Wunde am Hals stammte, war noch nicht geronnen. Irgendetwas steckte in der Wunde. Er konnte nicht erkennen, was es war, denn das Ding wurde vom halbhohen Gras verdeckt. Es schien zum Teil aus Metall und zum Teil aus rotem Kunststoff zu bestehen. Er ging noch näher, stützte sich mit der Linken auf dem Boden ab und drückte die Grashalme mit der Rechten etwas zur Seite. Konnte das sein? Steckte da tatsächlich eine Rebschere im Hals des Toten?

Er hatte den Mann noch gar nicht richtig angeschaut. Natürlich wollte er wissen, wer da vor ihm lag. Es war zwar schon über zwölf Jahre her, dass er aus Schaffhausen weggezogen war, aber von früher kannte er noch viele Leute - vor allem, wenn sie in der Nähe der Tanner'schen Reben Wein anbauten. Das Gesicht des Toten war nur im Profil sichtbar. Auf den ersten Blick kam es ihm nicht bekannt vor. Der Mann mochte etwa vierzig bis fünfundvierzig Jahre alt sein. Er sah ziemlich durchschnittlich aus, keine grosse Nase, kein auffallendes Kinn - nur diese eigenartige kleine Narbe hinter dem Auge. Tanner runzelte die Stirn. Er ging noch näher und sah die Narbe genauer an. Eine gezackte, rosa Linie von etwa drei Zentimetern Länge, die direkt hinter der Augenbraue begann. Eine Erinnerung stieg langsam in ihm hoch. Aber - das konnte eigentlich nicht sein. Er spürte, wie sich seine Nackenhaare aufrichteten und sich ein kalter Schauder im ganzen Körper ausbreitete. Je länger er den Toten betrachtete, desto mehr verflogen seine Zweifel.

Etwas hastig erhob er sich und wich einen Schritt vom Toten weg. Da glitt er auf dem rutschigen Boden des steilen Rebberges aus. Er stürzte auf die linke Seite. Mit der rechten Hand landete er in der Blutlache. „Scheisse", fluchte er halblaut durch die zusammen gebissenen Zähne und rappelte sich hoch, so schnell es ging. Er musste die Polizei rufen - die Schaffhauser Kollegen. Das war ziemlich eigenartig, denn normalerweise war er selbst es, der an einen Tatort gerufen wurde. Ausserdem musste der Fundort der Leiche abgesperrt werden, damit niemand etwas veränderte oder Spuren zerstörte. Aber - eigentlich brauchte es gar keinen anderen mehr, um allfällige Spuren zu zerstören. Dafür hatte er selbst mit seinem Sturz schon tüchtig gesorgt. Er blickte an sich hinunter und sah seine lehmverschmierte Hose und das Blut an seiner Hand. Aber nun waren Taten gefragt. Sein Mobiltelefon war im Rebhäuschen. Er stieg den Rebberg hinauf zur Flurstrasse.

„Georg, wie siehst du denn aus?" sagte jemand von der anderen Strassenseite. Es war Hugo Schwaninger, der sich an seinem uralten Bührer-Traktor zu schaffen machte.

„Bist du gestürzt? Du blutest ja." Hugo schaute ihn besorgt an.

„Ja, ich bin gestürzt", antwortet er. „Aber das ist nicht mein Blut. Dort unten liegt eine Leiche."

„Hahahaa", lachte Hugo. „Der ist gut. Die hast du wohl auf dem Buckel aus Basel hergeschleppt, um uns zu erschrecken, was? Hahahaaa!"

„Hugo! Ich scherze nicht. Dort liegt tatsächlich eine Leiche."

Allmählich verschwand das Lachen aus Hugos Gesicht. Zuerst schaute er Tanner fragend an, dann kam er näher und spähte den Rebberg abwärts.

„Ist es dieser Schatten dort unten? Man sieht kaum etwas in diesem Nebel. Wer ist es?" Tanner hielt ihn zurück, als er Anstalten machte, hinunter zu gehen.

„Es darf keiner hin, sonst könnten wichtige Spuren zerstört werden. Gut, dass du hier bist, Hugo. Bitte sorg dafür, dass niemand hinuntergeht. Ich rufe jetzt die Polizei." Ohne eine Antwort abzuwarten, eilte er davon.

Er stürmte ins Tanner-Rebhäuschen und suchte seine Tasche mit dem Telefon. Die anderen Tanners machten sich gerade für die Fortsetzung der Traubenlese bereit. Aber seine Aufregung blieb natürlich nicht verborgen.

„Was ist los, Georg?", fragte seine Mutter, während er die Nummer der Polizei wählte. „Bist du gestürzt? Du blutest ja."

„Das ist nicht mein Blut. Ich habe eine Leiche gefunden."

„Hahahaa", lachte sie. „der ist gut. Du vermisst wohl deinen Job doch, was?"

Werde ich hier denn überhaupt nicht ernst genommen, fragte er sich, während er dem Summton im Telefon zuhörte. Ging da endlich mal jemand ran? Seine Mutter hatte inzwischen offenbar bemerkt, dass es ihm nicht ums Scherzen war.

„Wer ist es?", fragte sie mit ernstem Gesicht.

 

Es dauerte kaum mehr als zehn Minuten, als in der Ferne eine Sirene hörbar wurde. Tanner leitete seine Verwandten an, den Fundort der Leiche grosszügig mit Vogelnetzen abzusperren. In der Zwischenzeit hatte er sich notdürftig gereinigt, aber die Hose wurde trotzdem allmählich steif vom trocknenden Lehm. Natürlich hatte es sich längst herum gesprochen, dass er in den Reben eine Leiche gefunden hatte. Immer mehr Leute kamen herbei. Hugo Schwaninger nahm seine Aufgabe ernst und liess niemanden zur Leiche gehen. Dutzende von Weinbauern und Erntehelfern standen bereits entlang der Vogelnetze und diskutierten, teils lebhaft, teils gedrückt. Viele starrten in die Reben, um etwas Genaueres zu erkennen. Aber der Nebel war immer noch zu dicht. Immer wieder wollte jemand von Tanner wissen, wer der Tote war. Aber er sagte es keinem.

Der Schotter der Flurstrasse knirschte unter den Reifen des herbeieilenden Streifenwagens. Gleich dahinter folgte eine Ambulanz. Die Schaulustigen wichen an den Strassenrand zurück, damit die beiden Fahrzeuge beim Fundort anhalten konnten. Tanner war gespannt, wer von der Schaffhauser Polizei kam. Vielleicht traf er alte Bekannte, schliesslich hatte er in diesem Korps seine Polizeiausbildung absolviert und anschliessend drei Jahre gearbeitet, bevor er nach Basel zog.

Die drei Beamten, die aus dem Wagen stiegen, waren ihm aber völlig unbekannt. Zwei waren noch jung, sicher erst wenige Jahre bei der Polizei. Der Dritte, der keine Uniform sondern einen strengen hellgrauen Anzug, Hemd und Krawatte trug, mochte Ende Dreissig sein. Während Tanner den beiden jüngeren die Aufregung sofort anmerkte - es wurde in Schaffhausen schliesslich höchsten alle paar Jahre einmal eine Leiche gefunden - wirkte der Dritte eiskalt. Er war hoch gewachsen, nur wenige Zentimeter kleiner als Tanner selbst, schmal gebaut und hielt sich aufrecht wie ein Besen. Sein Gesicht war schmal und kantig, der Mund dünnlippig, die Nase scharf wie eine Klinge. Die stahlgrauen Augen waren kaum mehr als Schlitze. Wo haben die Schaffhauser Kollegen diesen Mann bloss her, fragte er sich. Das war sicher kein Einheimischer. Die eisigen Augen richteten sich auf ihn.

„Ich soll Grüsse bestellen. Von Robert Hauer. Der kennt Sie von früher. Sie sind doch Tanner?"

So konnte man sich irren. Der Mann sprach eindeutig Schaffhauser Dialekt. „Danke. Man sieht sich leider selten. Er ist doch jetzt Kripochef, nicht wahr?"

„Ich habe mich noch nicht vorgestellt", sagte der andere. „Mein Name ist Peyer."

Tanner hob die Augenbrauen. Tatsächlich ein Schaffhauser, sogar aus einem alten einheimischen Geschlecht. Da zupfte ihn jemand am Ärmel.

„Na, Georg, wieder sauber?" Hugo Schwaninger blinzelte ihm zu. „Jetzt siehst du wieder einigermassen menschlich aus." Der Kopf des Schaffhauser Polizisten ruckte herum. Er blickte den Bauern scharf an.

„Was wollen Sie damit sagen, Herr ...?"

„Schwaninger, Hugo. Na eben, als Georg vorher die Reben hoch gekommen ist, war er dreckig und blutig. Hat grauenvoll ausgesehen, wie wenn er einen schlimmen Kampf gehabt hätte. Hahahaa, nicht wahr, Georg?"

Tanner verdrehte die Augen. Dass Hugo auch nie den Mund halten konnte ... Die eisigen Augen richteten sich wieder auf ihn.

„Was ist da vorgefallen?"

Er hatte es geahnt, dass dieser Ausrutscher ihm noch Probleme bereiten würde.

„Ich muss leider zugeben, dass ich mit dem Blut der Leiche in Kontakt gekommen bin als ich nach dem Fund auf dem rutschigen Boden ausglitt."

„Kein Kampf?" wollte Peyer wissen.

„War nicht notwendig. Die Leiche war schon tot."

Hugo grölte los. Die Umstehenden schauten ihn befremdet an. Peyers linker Mundwinkel zuckte einen Sekundenbruchteil lang um einen Millimeter nach oben. Hugo verstummte, offenbar hatte er gemerkt, dass seine Heiterkeit unpassend war.

Tanner spürte, dass dieser Peyer ihm misstraute. Nicht ganz zu unrecht, musste er insgeheim zugeben. Er hatte sich bei der Leiche nicht wirklich professionell benommen. Aber seine Überraschung war eben gross gewesen, als er erkannte, wer vor ihm lag. Schon wieder zupfte ihn jemand am Ärmel. Es war seine Mutter „Nun sag schon, Georg, wer ist der Tote?"