Rebensaft - der Radio Munot Krimi von Hans Rudolf Graf

Folge 1 vom 3. November 2008

 

Nebel

 

Endlich Mittagspause! Georg Tanner richtete sich auf, streckte seinen Rücken und stöhnte. Dass diese Trauben immer so weit unten hängen und sich auch noch unter den Blättern verstecken mussten! Er war mit seiner Grösse von über Eins-achtzig nicht fürs Trauben schneiden gebaut. Schon nach kaum einer halben Stunde schmerzte sein Rücken, verkrampften sich die Nackenmuskeln. Mit dem Bücki die geschnittenen Trauben zu den Standen tragen - das wäre ihm viel lieber. Aber heute war eben Cousin Martin mit dieser Arbeit dran.

Wenn es wenigstens nicht so kalt gewesen wäre. Zäher Hochnebel verhüllte heute die Sonne und ihre wärmenden Strahlen. Er runzelte die Stirn und schaute auf die Talebene hinunter. Dort breitete sich eine dichte Nebelbank aus und drohte anzusteigen. Hoffentlich blieb sie wo sie war. Die Trauben waren so noch nass genug von der vergangenen Nacht. Wenn der Nebel käme, würden sie triefen. Es war wirklich kein guter Tag für die Weinlese. Aber sie mussten heute unbedingt fertig werden, denn für die nächsten Tage war Regen angesagt. Niemand brachte gerne nasse Trauben zum Wägen. Das liess den Oechslegrad sinken und damit auch den Erlös für die Trauben. Aber das war immer noch das kleinere Übel, als die Trauben im Regen verfaulen zu sehen.

Er streifte die vom Traubensaft klebrigen Gummihandschuhe von den kalten Fingern und stieg den rutschigen Weinberg hinunter zum Rebhäuschen.

Seit Jahrzehnten traf sich der Tanner-Clan im Herbst zur Weinlese in seinem Rebberg. Schon als kleines Kind war Tanner mit seinem Bruder dabei gewesen, wenn sich ihre Eltern, Cousinen und Cousins, Onkel und Tanten - und am Anfang noch die Grosseltern - auf die reifen Trauben stürzten, schnitten, naschten, lachten, stöhnten und klatschten. Es war wie ein Fieber, das sich im Laufe des Herbstes allmählich aufbaute. Jeden Tag las er gespannt den Wetterbericht. Sonne und warme Temperaturen waren gefragt, damit der Wein vollständig ausreifen konnte. Und wenn die Trauben dann bereit waren für die Ernte, konnte ihn fast nichts davon abhalten, hierher zu kommen. Fast nichts. Denn als Chefermittler der für ungewöhnliche Todesfälle zuständigen Sektion der Kriminalpolizei in Basel konnte ihm durchaus einmal ein dringender Fall dazwischen kommen. Dieses Jahr zum Glück nicht.

Gestern waren sie gut vorwärts gekommen, und Tanners Vater war mit dem Zuckergehalt der Trauben zufrieden gewesen. 95 Grad Oechsle im Durchschnitt, das konnte sich sehen lassen. Auch wenn es natürlich kein Jahrhundertwein werden würde, dafür war der Herbst dann doch zu wenig sonnig gewesen.

Georg öffnete den Reissverschluss seiner Regenjacke und betrat als letzter das Rebhäuschen. Drinnen ging es bereits hoch her. Ein knappes Dutzend Tanners hatte sich dieses Jahr zusammen gefunden. Die meisten sassen schon an den beiden schmalen Tischen. Mutter Tanner und Erika, die Frau von Cousin Martin, kochten Gerstensuppe und Schüblige und stellten das Brot auf den Tisch. Er setzte sich auf den freien Stuhl neben seinem Vater und stöhnte unterdrückt.

"Na, Georg, was sagt dein Polizistenrücken zu solch ehrlicher, körperlicher Arbeit?" fragte ihn Stefan, sein Bruder, und grinste ihn frech an.

"Wohl etwa das gleiche wie dein Bankerkreuz, nicht wahr?" antwortete er.

"Jaja, der Dialog eurer Wirbelsäulen war vorher im ganzen Rebberg zu hören", sagte Vater Tanner und stupste ihn mit dem Ellbogen. "Ihr seid halt verweichlicht. Und das sollen meine Söhne sein." Er lachte und schlug ihm mit der flachen Hand auf die Schulter, dass er fast den Teller Suppe fallen liess, den ihm seine Mutter gerade reichte.

Am kleineren der beiden Tische balgten sich die vier Tannerenkel um das grösste Stück Brot.

"Ist es nicht schön, wenn Kinder Leben in die Hütte bringen?" sagte Tanners Mutter lächelnd. Es war ein eigenartiges Lächeln, denn Ihre Augen machten nicht wirklich mit, das sah Georg ganz deutlich. Die fixierten nämlich ihn. Er wusste was jetzt kommen würde. "Schade ist deine Anne nicht hier, Georg."

"Sie musste leider an diesen internationalen Psychologenkongress. Flug und Hotel längst fix gebucht. Das konnte sie nicht einfach absagen."

"Ja, die Traubenlese ist nun mal nicht einen Monat im Voraus planbar", stimmte Mutter zu. "Aber sag mal, wie sieht's denn bei Euch so aus mit Nachwuchs?"

Na bitte. Er hatte gewusst, dass sie es sich nicht würde verkneifen können, dieses Thema anzuschneiden. Sie tat es immer, und immer, wenn andere zuhörten. Damit wollte sie den Druck auf ihn erhöhen. Und tatsächlich, die anderen schienen ihm alle plötzlich etwas leiser zu sein. Aber er kannte dieses Spiel und hatte auch eine passende Antwort auf Lager.

"Kinder sind nicht alles im Leben." Er zwinkerte seinem Bruder zu. "Karriere ist eben auch wichtig, Selbstverwirklichung, weisst du?" So, nun war seine Mutter wieder dran.

"Selbstverwirklichung, wenn ich das nur schon höre", begehrte sie prompt auf. "Heute denken alle nur noch an sich selbst. Dabei ist Familie doch so wichtig ..."

"Ja, es braucht mehr Kinder, damit unsere Renten gesichert sind", warf Cousin Martin ein und beobachtete aus den Augenwinkeln Kevin, seinen halbwüchsigen Sohn. Der richtete sich senkrecht auf.

"Wenn Ihr glaubt, ich sei eure Altersversicherung, habt ihr euch getäuscht. Ich wandere sowieso einmal auf eine einsame Insel aus und ..."

"... und dort lebst du von Fischfang und Kokosnüssen, und spielst dazu Didgeridoo", ergänzte sein Vater. "Ich weiss. Wartes wir's ab." Alle lachten - ausser Kevin. Georg wartete noch auf die Fortsetzung seines Gesprächs mit Mutter.

"Ich habe schon gemerkt, dass du mich wieder hoch nimmst", sagte sie zu ihm. "Ich bin ja auch schon ruhig - und warte ab."

 

Nach einer Weile wurde es Tanner zu warm im Häuschen und er ging nach draussen. Nun war es also doch geschehen. Der vor kurzem noch im Tal liegende Nebel hatte sich gehoben und den Rebberg eingehüllt. Seine Dichte war erstaunlich. Er konnte kaum weiter als zehn Meter sehen. Und der Nebel machte nicht den Eindruck, als ob er sich bald auflösen würde.

Gemächlich stieg Tanner den steilen Rebberg hoch. Oben erreichte er eine der Flurstrassen, die den Hang in mehr oder weniger regelmässigen Abständen querten und die einzelnen Parzellen und Rebhäuschen erschlossen. Am Strassenrand parkten viele Autos. Traktoren standen bereit, mit Anhängern, auf denen die grossen Behälter für die gelesenen Trauben zum Füllen bereit waren. Fast alle Weinbauern waren jetzt am ernten, hatte Verwandte, Freunde und Bekannte zusammengetrommelt und versuchten ihre Trauben so schnell wie möglich zu lesen. Er sah keinen Menschen in der Nähe. Auch die Nachbarn sassen jetzt offenbar in ihren Rebhäuschen und sammelten neue Kräfte.

Das Knallen, Trillern oder Zwitschern der Vogelschreck-Anlagen schien von weit weg zu kommen. Der dichte Nebel dämpfte die Geräusche erstaunlich stark. Er schaute nach rechts und links der Flurstrasse entlang und überlegt, in welche Richtung er gehen sollte. Ohne speziellen Grund wandte er sich schliesslich nach links.

Es war einfach herrlich, wie er beim Weinlesen abschalten konnte. All die unerfreulichen Fälle in Basel waren weit weg. Kaum dass er einmal überlegte, was seine Kollegen im Moment wohl taten. Auch die sonst allgegenwärtigen Budgetprobleme und die ständigen Diskussionen um mehr Personal fanden in einer anderen Welt statt.

Die an die Tannerparzelle angrenzenden Reben waren bereits am Vortag abgeerntet worden. Zwischen den Reihen lagen die herausgeschnittenen faulen oder lahmstieligen Beeren. Sie zeichneten vage dunkle Linien auf den Boden, die in der Entfernung im Nebel verschwanden. Solche dunkle Linien gab es in jedem Rebberg, aber hier waren sie immer am deutlichsten. Denn ihr Nachbar war wohl derjenige Weinbauer der Gegend, der am meisten auf die Qualität der gelesenen Trauben achtet. Er trieb die Mengenbeschränkung und die Auswahl sehr weit. Dafür konnte er aber auch regelmässig mit den höchsten Oechslegraden der Region aufwarten.

Die Hände auf dem Rücken verschränkt ging Georg weiter, kickte einen Kieselstein weg und schaute immer wieder gedankenverloren die Reihen hinunter. In einer der Reihen bemerkte er auf dem Boden einen dunklen Schatten. Dieser befand sich etliche Meter von der Strasse entfernt und war im Nebel nur schwach zu sehen. Was es genau war, konnte er nicht erkennen. Er zuckte mit den Schultern und ging weiter. Nach wenigen Schritten blieb er wieder stehen. Irgend etwas an diesem Haufen war merkwürdig. Worum konnte es sich dabei handeln? Er kehrte zu der Reihe zurück und schaute genauer hin. Aber der Nebel war so dicht, dass er von der Strasse aus keine Details erkennen konnte. Er ging näher. Fast wäre er auf dem glitschigen Boden ausgerutscht; gerade noch konnte er sich an einem Rebstecken festhalten. Wenige Schritte weiter stand er vor einer männlichen Leiche.