Rebensaft - der Radio Munot Krimi von Hans Rudolf Graf
Folge 14 vom 30. November 2009 zum hören
Räbechlöpfer
Die Fahrt in Xeno Peyers Bentley hätte für Tanner ein Genuss sein können. Es war ein strahlender Herbsttag. Lautlos schwebte das Auto durch die mit bunten Vogelscheuchen, farbigen Bändern und Windrädern garnierten Rebberge. Die Wälder leuchteten im Sonnenschein in einem warmen Goldton. Die Weinernte war fast beendet. Nur einzelne Vogelschreckkanonen oder Sirenen waren noch zu hören.
Aber sie waren in einer ernsten Mission unterwegs Sie wollten wissen, ob ihr Verdacht begründet war. Ihr Verdacht, dass Peter Mühlemann von seinem eigenen Vater erschlagen worden war.
Die Indizien wogen schwer. Die Bisswunde an Peters Bein stammt wahrscheinlich von Vater Mühlemanns Hund Köbi und die Schlagwunde an Peters Kopf könnte vom schweren Knauf seines Stockes stammen.
Es fiel Tanner immer noch schwer, sich mit den Geschehnissen der letzten Tage auseinander zu setzen. Hätte er sich vor mehr als dreizehn Jahren nicht in Peters Freundin verliebt, wäre all das vermutlich nie passiert. Natürlich war es sinnlos, solche Gedanken zu wälzen, die Schuldfrage immer und immer wieder zu stellen. Die Vergangenheit war nicht zu ändern. Aber schwierig war es dennoch, zum Vater des toten Peter zu fahren, mit dem Verdacht, dass er ein Mörder war.
Sie erreichten sie den Mühlemannhof. Kurt sass im Sonnenschein auf den Stufen vor seinem Haus und rauchte eine Zigarette. Er erhob sich, als der Bentley lautlos auf den Hofplatz fuhr und anhielt. Als Tanner und Peyer ausstiegen wirkte er etwas enttäuscht.
"Ich dachte, endlich kommt der arabische Scheich, der meinen Hof für zehn Millionen kauft", sagte er.
"Und nun ist es nur die Polizei", antwortete Peyer.
"Es scheint, als ob du uns erwartet hättest", sagte Tanner.
Kurt sah ihn stumm an, nickte dann. "Lange hatte es nicht mehr dauern können."
"Du weisst, weshalb wir hier sind?"
"Wegen Vater."
"Sie wussten es also schon länger", stellte Peyer fest.
"Was heisst schon wissen." Kurt hob die Schultern und drückte die Zigarette an der Treppenstufe aus, "Ahnen wäre wohl richtiger."
"Sie haben uns nicht darauf aufmerksam gemacht, dass wir die Fingerabdrücke Ihres Vaters nicht genommen hatten. Weshalb?"
Dass Peyer das nicht klar war, wunderte Tanner. Die Antwort lag auf der Hand.
"Er ist mein Vater", antwortete Kurt.
"Weshalb hast du geahnt, dass dein Vater der Täter sein könnte?"
"Als ich ihn an jenem Tag kurz nach der Mittagspause sah, war er aufgewühlt, völlig von den Socken, sagte aber nicht weshalb. Dann fehlte eine Rebschere. Dann seine unglaubliche Aggressivität dir gegenüber. Seine Verstörtheit - du hast sicher bemerkt, dass er an einer beginnenden Demenz leidet." Er atmete tief ein. "Und er hatte einen Grund, auf Peter wütend zu sein. Mehr als wütend."
"Das interessiert uns sehr", sagte Peyer. Kurt nickte.
"Sie können sich sicher vorstellen, wie wir erschraken, als der tot geglaubte Peter vor unserer Tür stand. Als sich der Schreck allmählich in Freude wandelte, erklärte uns Peter, dass er nicht zu einem Freundschaftsbesuch gekommen sei, sondern weil er etwas wolle."
"Geld? Oder seinen Sohn?"
"Um Stefan ging es nicht, der war ihm egal. Wir haben übrigens gerade vorhin mit Stefan gesprochen. Er weiss nun, wer sein richtiger Vater ist."
"Wie hat er es aufgenommen?"
"Äusserlich gut. Aber wer weiss schon, was im Kopf eines Dreizehnjährigen vorgeht. Aber gesagt hat er etwas, das mich sehr gefreut hat. Er meinte, er habe nur einen Vater. Und der lebe noch."
"Das ist schön für dich", sagte Tanner. "Aber zurück zu Peter."
"Er wollte Geld. Von seinem Debakel als Anwalt eines russischen Unterweltbosses wisst Ihr schon. Dieser hatte kein Verständnis für sein Versagen und schickte ihm einen Killer auf den Hals. Der bot ihm an, ihn zu verschonen, wenn er mehr zahlte als der Russe. Peter zahlte, musste sich aber hoch verschulden. Deshalb wollte er sein Erbe einfordern."
"Aber Ihr Vater lebt doch. Es gibt noch kein Erbe", wandte Peyer ein.
"Der Hof gehörte unserer Mutter, Vater ist nur eingeheiratet. Als Mutter vor sechs Jahren starb, hinterliess sie den Hof nicht ihm sondern mir. Vater war damit einverstanden und sogar froh, die Verantwortung abgeben zu können. Peter betrachtete sich als gleichberechtigten Erben unserer Mutter. Er wollte seine Hälfte haben. Seinen Anspruch hat er uns mit viel Anwaltslatein klar gemacht."
"Wie hat dein Vater reagiert."
"Er ist blass geworden, aufgestanden und hat den Raum verlassen. Ich habe ihn erst am folgenden Tag nach dem Mittag wieder gesehen. Als Peter bereits tot war."
"Wo ist er jetzt?", fragte Peyer.
"In den Reben. Räumt die Vogelscheuchen ab."
"Wir brauchen seine Fingerabdrücke", sagte Peyer.
Vater Mühlemann sass im Sitz seines Rebtraktors und stierte vor sich hin. Er hatte noch keine Vogelscheuche abgeräumt. In den Nachbarreben war eine Vogelschreckkanone in Betrieb und liess in grossen Abständen Schüsse knallen.
"Herr Mühlemann", sprach Peyer den alten Mann an.
Sepp zeigte zuerst keine Reaktion. Dann atmete er tief ein.
"Peters Mörder ist wieder da", sagte er keuchend.
"Ich habe ihn nicht getötet", antwortete Tanner. Er ging zum Traktor und schaute Sepp an. "Warst du es?"
"Was tot ist, soll tot bleiben." Sepps Blick war verschwommen, unfokussiert, wie wenn er mit offenen Augen nicht sehen könnte.
"Hast du dafür gesorgt, dass es so bleibt?"
"Wer ist diese Leiche?", fragte Sepp und nickte in Peyers Richtung. Dieser wirkte mit seinem dunklen Anzug und dem hellen Teint tatsächlich blass.
"Oberleutnant Peyer von der Schaffhauser Polizei", sagte Tanner.
"Ich dachte, es sei ein Bestatter, der seine Leiche sucht."
"Hast du Peter erschlagen?" Tanner gab noch nicht auf, obwohl Sepp verwirrt auf ihn wirkte, wie wenn er einen Teil seiner Welt verloren hätte.
"Da, er zieht seinen Revolver ..." Plötzlich klang Sepp panisch, seine Augen waren weit aufgerissen. Seine zitternde Linke zeigte auf Peyer. Der griff gerade in die Innentasche seines Massanzuges. Hielt nun aber inne.
Sepp startete den Traktor, legte einen Gang ein und ruckte los.
"Stehenbleiben", rief Peyer.
"Nicht schiessen, nicht schiessen", schrie Sepp mit unnatürlich heller Stimme. Er lenkte den Traktor den Rebberg hinauf.
"Keiner schiesst hier, bleib da". rief ihm Tanner nach. Doch der alte Mann hörte nicht auf ihn und fuhr weiter den Berg hoch. Direkt auf die Vogelschreckkanone zu.
"Haben Sie wirklich eine Pistole da drin", herrschte Tanner seinen Kollegen an. Der fixierte ihn mit eisblauen Augen und zog stumm ein Notizbuch heraus.
"Nicht schiessen", schrie Sepp immer wieder. Er war fast oben im Rebberg angekommen, dort wo er besonders steil war.
Da krachte ein Schuss aus der Vogelschreckkanone.
Vater Mühlemann ruckte hoch, liess das Steuerrad los und griff sich an die Brust. Der steuerlose Traktor kam von der Spur ab, rammte einige Rebstöcke, blieb in den Drähten hängen und kippte langsam um. Sepp fiel aus dem Sitz.
"Es sieht nach einem Herzanfall aus", sagte der Notarzt. Tanner hatte es sich schon gedacht. Trotz sofortiger Erste-Hilfe-Massnahmen war Sepp Mühlemann nicht mehr zu Bewusstsein gekommen. Das Herz hatte ausgesetzt, und auch der Defibrillator aus Peyers Bentley hatte nicht helfen können.
Kurt, Judith und Stefan Mühlemann standen wortlos vor ihrem Wagen und sahen mit geröteten Augen zu, wie die Bahre mit dem alten Mann zur Ambulanz geschoben wurde. Im Wagen tobte Köbi, Sepps Pudel. Er wollte unbedingt zu seinem Herrchen, versuchte sich durch den Spalt des halb geöffneten Fensters zu zwängen. Schliesslich gelang ihm das und er hetzte zur Bahre. Wild bellend lief er darum herum. Nur mit Mühe konnten die Sanitäter verhindern, dass er in die Ambulanz eindrang, als sie die Bahre in den Wagen luden und die Türen schlossen.
Der Hund sass winselnd am Wegrand und sah der davon fahrenden Ambulanz nach, genau wie die Mühlemanns, die eng aneinander gedrängt dastanden.
Als die Ambulanz verschwunden war, drehte der Hund sich um. Kaum erblickte er Tanner, knurrte er ihn an und kam mit hochgezogenen Lefzen auf ihn zu. Tanner befürchtete schon eine neue Attacke auf seine Beine. Da verstummte der Pudel. Seinen dunklen Augen richteten sich auf Peyer. Er ging langsam auf ihn zu, setzte sich vor ihm auf die Strasse und sah ihn stumm an. Peyer schaute zurück.
"Was geschieht eigentlich mit Köbi?", fragte Tanner Kurt Mühlemann.
Kurt zuckte mit den Schultern. "Wir haben's alle drei nicht so mit Hunden. Köbi war Vaters Hund. Wir werden wohl ein neues Plätzchen für ihn suchen."
Köbi sass jetzt hechelnd vor Peyer und himmelte ihn förmlich an.
"Das wäre doch etwas für Sie, Herr Peyer", sagte Tanner. "Sie scheinen sein Typ zu sein. Und einen genügend grossen Garten hätten Sie auch."
Peyer schaute den Hund nachdenklich an, dann hob er seinen Blick.
"Warum eigentlich nicht."
Tanner staunte. Dass hätte er nun wirklich nicht erwartet. Seine Frage war als Scherz gemeint gewesen. Doch der steife, trockene Peyer sagte ja zu einem Hund. Er beugte sich zu Köbi hinunter und hielt ihm die Hand hin. Der schnupperte daran, dann leckte er sie. Peyers Mundwinkel hoben sich um wenige Millimeter.
Tanner schaute dem kleinen Konvoi hinterher. Peyer hatte angeboten, ihn in die Stadt zu fahren. Doch er zog es vor, eine Weile zu Fuss zu gehen. Er liess seinen Blick über die Rebberge gleiten, die in der Oktobersonne strahlten. Die verschiedenen Farben der unterschiedlichen Rebsorten und die bunten Wälder im Hintergrund waren so schön, dass er eine Gänsehaut bekam. Aber da war auch Trauer. Trauer, um die Toten. Trauer, dass er diese Gegend wohl nie mehr so unbeschwert würde betrachten können, wie noch vor wenigen Tagen.







