Rebensaft - der Radio Munot Krimi von Hans Rudolf Graf
Folge 13 vom 2. November 2009 zum hören
Der Biss
Vielleicht hatte Kurt Mühlemann ja Recht, dachte Georg Tanner. Vielleicht sollte er tatsächlich nicht mehr auf den Mühlemannhof kommen. Letztes Mal der Mistgabelangriff und diesmal die Hundeattacke. Dieser verdammte Pudel. Er schielte am Steuerrad des Bührers vorbei auf seine verletzte Wade hinab. Dünne Blutfäden liefen daran herunter. Die Socke war schon rot. Und die eigentlich gar nicht so tiefen Schrammen juckten wie blöd. Er konnte sich kaum mehr zurückhalten, wollte sich nur noch um die Bissspuren herum kratzen. Das unablässige Vibrieren des alten Traktors machte alles auch nicht besser. Wenn der Bührer wenigstens ein klein Bisschen schneller fahren könnte ...
Er sollte eigentlich so schnell wie möglich auf die Notfallstation des Kantonsspitals und die Wunde verarzten lassen. Und sich eine Spritze gegen Starrkrampf geben lassen. Und eine gegen Tollwut. Man wusste ja nie. Aber der Anruf seines Schaffhauser Kollegen Xeno Peyer war eindeutig gewesen. Er musste sofort zu ihm hin, weil es Neuigkeiten über die Bisswunde am Unterschenkel von Peter Mühlemanns Leiche gab. Insgeheim wettete er mit sich selbst, dass es einen Zusammenhang mit seinem eigenen Bissproblem gab.
Hinter ihm hatte sich längste eine Schlange von Autos und Lieferwagen gebildet. Er fühlte sich als Hemmschuh, denn mit dem langsamen Traktor schaffte er es nie, mehr als eine Ampel aufs Mal hinter sich zu bringen. Schaffhausen war mit einem normalen Auto schon mühsam, aber mit dem Bührer ... Warum konnte Hugo nicht einen Ferrari hegen und pflegen? Oder wenigstens einen Maserati?
Ja. Hugo. Ob er wohl schon aus seiner Ohnmacht erwacht war? Er konnte es kaum erwarten, endlich den Grund zu erfahren, warum Hugo die Rebschere in Peter Mühlemanns Halsschlagader gerammt hatte.
Endlich war das Polizeiquartier in der Stadt erreicht. Er stellte den Traktor auf einen der Kurzzeitparkplätze im Hof. Direkt neben einen wunderschönen Bentley. Dessen Besitzer war wohl gerade auf dem Strassenverkehrsamt, um eine neue Nummer zu kaufen. Vielleicht die „SH 1"? Geld genug hätte er sicher dafür.
Von den Vibrationen des Traktors halb betäubt stieg er die Treppe zu Peyers Büro hoch. In seinem Rücken spürte er die belustigten Gesichter der Schaffhauser Kollegen. Sicher machten sie Witze über sein eigenartiges "Einsatzfahrzeug".
Peyer war nicht allein in seinem Büro.
"Das ist Doktor Schweighart", sagte er und deutete auf einen korpulenten Mittfünfziger in elegantem Anzug. "Er leitet die Untersuchungen an der Leiche von Peter Mühlemann."
"Wobei es offenbar Neuigkeiten zu berichten gibt", sagte Tanner und schüttelte die Hand des Mediziners.
"Ich möchte Ihnen ein paar Fotos zeigen", sagte Schweighart."Sie liegen hier auf dem Tisch." Es handelte sich um etwa ein halbes Dutzend Farbaufnahmen des Unterschenkels von Peter. Deutlich waren die Bissspuren im bleichen, fast weissen Fleisch der Leiche zu erkennen. "Unsere Untersuchungen haben ergeben, dass das Opfer die Verletzungen unmittelbar vor seinem Tod erhalten haben muss. Es ist also keine alte Wunde", erläuterte Schweighart. "Die Verletzungen gehen auf einen kleineren Hund oder einen grossen Fuchs zurück. Sicher kann man das nicht sagen."
"Ich habe eine Vergleichsprobe für Sie", sagte Tanner mit schiefem Grinsen zum Mediziner und stellte seinen Fuss auf einen Stuhl. Als er das Hosenbein hochzog hob der Arzt die Augenbrauen.
"Das ist eine Bissverletzung", sagte er. "Ganz frisch, ungereinigt, nicht desinfiziert. Wenigstens blutet sie nicht mehr. Sie sollten sich bald eine Tetanusspritze geben lassen. Und vielleicht auch Tollwut. Man weiss ja nie."
Tanner nickte. "Der Pudel des alten Mühlmann hat mich gebissen."
"Haben sie ihn dazu animiert?", fragte Peyer mit leicht hochgezogenen Mundwinkeln. "Das nenne ich aufopfernde Ermittlungsarbeit. Da kann ich mir wohl noch eine Scheibe davon abschneiden, wie?"
Irgendwie war ihm Peyer ohne Humor lieber.
"Und sie meinen, der Biss könnte vom gleichen Tier stammen, wie die Verletzungen am Bein des Toten?", fragte der Mediziner.
"Ich war gerade auf dem Weg in die Notfallstation, als mich Herr Peyer anrief. Auf der Fahrt hierher ist mir dann dieser Gedanke gekommen. Vergleichen Sie die beiden Bisswunden", forderte er den Mediziner auf.
"Dafür muss ich ihre Verletzung zuerst reinigen. Gibt es hier einen Erste Hilfe Kasten, Herr Peyer."
Der nickte und öffnete einen seiner Aktenschränke. Darin befand sich inmitten von säuberlich geordneten Akten ein grünes Paket mit Stab und Äskulapnatter.
Der Arzt reinigte seine Verletzung sorgfältig, mit ausreichend Desinfektionsmittel, was höllisch brannte. Aber er liess sich nichts anmerken. Dann nahm Schweighart die Fotos zum Vergleichen in die Hand und schaute sich die beiden Verletzungen sehr genau an.
"Natürlich kann ich nicht zweifelsfrei beweisen, dass es beide Male das gleiche Tier war", sagte er schliesslich. "Aber die Gebissgrösse ist in etwa die gleiche. Es könnte das gleiche Tier sein."
"Möglicherweise war also der Hund des alten Mühlemann in den Reben, zur gleichen Zeit wie das Opfer", sagte Peyer. "Ob Peter Mühlemann den Hund seines Vaters Gassi geführt hat?"
"Ich vermute, dass auch der alte Mühlemann dort war, denn er und sein Pudel sind fast unzertrennlich. Wurden eigentlich auch die Fingerabdrücke von Joseph Mühlemann mit denjenigen auf der Rebschere verglichen?", fragte er Peyer.
Der sah ihn einen Sekundenbruchteil durchdringend an, dann öffnete er eine seiner Schreibtischschubladen und holte ein Klarsichtmäppchen hervor. Darin befand sich offenbar die Liste der auf Fingerabdrücke untersuchten Personen. Er ging sie durch und nickte langsam.
"Es war mir so. Er wurde nicht untersucht."
"Wie konnte das passieren."
"Offenbar ist niemand auf die Idee gekommen, dass er sich in der Nähe des Tatortes aufgehalten haben könnte. Immerhin ist er sehr schlecht zu Fuss."
"Aber er fährt leidenschaftlich gern mit dem Rebtraktor in der Gegend herum. Kurt und Judith Mühlemann wissen das. Eigentlich müssten sie ihre Leute darauf hingewiesen haben."
"Vielleicht wollten sie ihren Vater bewusst decken. Möglicherweise haben sie schon lange den Verdacht, dass er etwas mit dem Tod von Peter Mühlemann zu tun hat. So, wir werden diese saubere Familie auf der Stelle genauestens befragen. Kommen Sie mit." Peyer stürmte aus dem Büro, ohne sich von Schweighart zu verabschieden. Tanner gab diesem kurz die Hand und entschuldigte seinen Kollegen mit einem Achselzucken.
"Den Bührer schaffen wir später zurück auf Schwaningers Hof", sagte Peyer auf dem Parkplatz der Polizeistelle. "Wir nehmen meinen Wagen."
Tanner traute seinen Augen nicht, als Peyer auf den Bentley zusteuerte und die Fahrertür in einer Selbstverständlichkeit öffnete.
"Der gehört Ihnen?"
"Sagte ich doch schon." Ja, jetzt erinnerte er sich. Peyer hatte es ihm gesagt, als er sie mit dem Bührer zu Schwaningers Unfallstelle gefahren hatte. Aber wirklich geglaubt hatte er es ihm nicht. Wenig später schwebten sie die Hauptstrasse entlang auf dem Weg zum Mühlemannhof.
"Damit wird der alte Mühlemann zum Hauptverdächtigen", sagte Peyer.
"Er ist ein alter, kranker Mann. Vielleicht auch geistig etwas angeschlagen."
"Alte kranke, geistig angeschlagene Männer können ungeheuer zäh und kräftig werden, wenn sie genügend Wut im Bauch haben", sagte Peyer. "Ich habe ihn zwar im Laufe der Befragungen nur einmal kurz zu Gesicht bekommen. Aber etwas ist mir aufgefallen. Sein Stock. Was sagen sie zu dem?"
Sepp Mühlemanns massiver Stock mit dem klobigen Griff. Er hatte sich darüber bis jetzt keine Gedanken gemacht, denn er war ihm nicht speziell aufgefallen, gehörte er doch schon lange einfach zu Vater Mühlemann dazu. Genau wie Köbi, der Pudel.
"Ich bin überzeugt", fuhr Peyer fort, "dass wir den Tathergang bisher falsch interpretiert haben. Von den forensischen Untersuchungen her wissen wir, dass Peter Mühlemann mit dem Gesicht bergaufwärts stand als er von oben einen Schlag mit einem stumpfen Gegenstand erhielt."
"Der Schluss lag nahe, dass sein Mörder oberhalb von ihm stand als er auf ihn einschlug. Wenn man sich aber den Stock vor Augen hält ..."
"... dann könnte der Schlag auch von unterhalb erfolgt sein."
"Ja, Peter wurde von hinten erschlagen."







