Rebensaft - der Radio Munot Krimi von Hans Rudolf Graf

Folge 12 vom 5. Oktober 2009                   zum hören

Des Pudels Kern

Was bisher geschah 

 

Die Vibrationen des alten Traktors liessen Tanners Hände allmählich taub werden. Ansonsten lief der Bührer aber tadellos. Hugo Schwaninger hatte ihn einwandfrei restauriert und wartete ihn offensichtlich perfekt. Wenn er bloss ein Bisschen schneller vorwärts käme! Es waren nur wenige Kilometer zum Hof der Mühlemanns, aber die Fahrt erschien ihm unendlich.

Unter anderen Umständen hätte er den Weg sicher genossen, denn es war ein sonniger Tag und für die Jahreszeit angenehm warm. Die Wälder leuchteten in schönsten Herbstfarben. Auch die Reben verfärbten sich bunt. Die verschiedenen Traubensorten waren nun an den unterschiedlichen Farben der Blätter deutlich zu erkennen. Die meisten Trauben waren bereits geerntet, es kehrte allmählich Ruhe in die Rebberge ein. Nur dort, wo eine Spätlese vorgesehen war, hingen noch Netze über den Reben und ertönten die scharfen Schüsse von Vogelschreckkanonen.

Endlich war der Mühlemannhof erreicht. Er lenkte den Bührer auf den Hofplatz und stellte ihn vor dem Wohnhaus ab. Es war also soweit. Er war im Begriff einen weiteren Schritt in seine eigene Vergangenheit zu tun. In der Hoffnung damit zu erfahren, was in der Zeit, als er besinnungslos in Peter Mühlemanns Freundin Laura verschossen gewesen war, in seinem Freundeskreis alles abgelaufen war. Mehr und mehr war er sich sicher, dass der Grund für den Mord an Peter in diesen Vorgängen zu suchen war.

Er liess den Motor auslaufen, stieg vom Traktor und machte sich bereit, an der Haustür zu läuten. Da hört er die ihm wohl bekannte brüchige Stimme von Vater Mühlemann.

"Hast du gehört, Köbi? Der Hugo ist gekommen. Gehen wir hallo sagen."

Die Stimme kam aus der Halle mit der Weinabfüllanlage. Vater Mühlemann war offenbar wieder mit seinem schwarzen Pudel unterwegs, hatte den Klang des alten Bührers erkannt und wollte nun Hugo Schwaninger begrüssen kommen.

Wie würde diese Begegnung mit Vater Mühlemann verlaufen? Würde er wieder einen Angriff auf ihn starten?

Da kamen sie angeschlurft. Vater Mühlemann gestützt auf seinen schweren Gehstock mit dem klobigen Griff und Köbi auf rheumatischen Beinen. Je näher sie kamen, desto verkniffener wurde die Miene des alten Bauern. Seine wässerig glänzenden Augen erkannten wohl nach und nach, dass nicht Hugo mit dem Bührer gekommen war. Die beiden blieben etwa fünf Meter vor ihm stehen.

"Schon wieder du", sagte Mühlemann und richtete sich an seinem Stock auf.

"Muss ich wieder um mein Leben fürchten?"

"Was willst du denn noch?", fragte der Alte ohne auf seine Frage zu antworten.

"Ich will immer noch wissen, wer Peter umgebracht hat."

"Der hat sich selbst umgebracht", sagte Mühlemann.

"Man kann sich nicht selbst erschlagen und anschliessend die Mordwaffe verschwinden lassen."

Mühlemann sah ihn seltsam an und schüttelte dann langsam den Kopf.

"Keiner weiss, wie er sich umgebracht hat. Einfach verschwunden ist er."

"Aber ich habe ihn doch in den Reben gefunden, vor wenigen Tagen."

"Du lügst", sagte Mühlemann mit jetzt starker Stimme. "Dabei bist du schuld, dass er sich umgebracht hat. Wegen diesem Weib. Und das hast du auch getötet."

"Ich habe ihn nicht ermordet. Er war hier. Vor wenigen Tagen. Du hast ihn auch gesehen."

"Hör auf mit diesem Quatsch", schrie der alte Mann und packte seinen schweren Gehstock am unteren Ende, erhob ihn über den Kopf und schwang den klobigen Griff wie eine Keule.

"Vater", rief eine Stimme von der Haustür her. Er hatte gar nicht bemerkt, dass sie geöffnet worden war. Dort stand Kurt Mühlemann und versuchte seinen Vater zu bremsen. Der zögerte zunächst, den Gehstock hoch über den Kopf erhoben, liess ihn dann aber sinken. Ohne ein weiteres Wort wandte er sich ab und zusammen mit seinem Pudel schlurfte er davon, schwer auf seinen Gehstock gestützt.

Kurt Mühlemann schaute seinem Vater hinterher. Dann wandte er sich Tanner zu.

"Komm rein", sagte er und ging ins Haus. "Wieso kommst du eigentlich mit Hugos Liebling her? Der lässt doch sonst keinen damit fahren." Hinter der Tür erstreckte sich ein etwa fünfzehn Meter langer Hausgang, mehrere Türen gingen zu den Wohnräumen.

"Das ist eine lange Geschichte. Aber ich bin nicht hier, um zu erzählen, sondern weil ich eine Frage an dich habe."

"Soso", sagte Kurt blieb im Hausgang stehen und drehte sich um. "Dann stell sie."

Tanner schluckte den Kloss hinunter, den er im Hals spürte. Den hatte er nicht nur dem Gespräch mit Vater Mühlemann zu verdanken, sondern auch der Reise in die Vergangenheit.

"Ist Stefan dein Sohn?"

Kurt schaute ihn stumm an. Lange. Was wohl in seinem Kopf vorging? Dann verzog sich sein Mund zu einem breiten Grinsen.

"Dir ist also Stefans Ähnlichkeit mit Peter aufgefallen, und du hast dir so deine Gedanken darüber gemacht. Kann ich verstehen. Und wenn es so wäre, käme ich natürlich als Peters Mörder in Frage. Ich könnte den unerhofft wieder aufgetauchten Schwängerer meiner Frau aus Eifersucht ermordet haben."

"Ist dieser Gedanke so abwegig?"

"Nein, aber falsch." Kurt schaute ihn belustigt an. "Ich weiss schon lange, dass Stefan Peters Kind ist. Wusste es schon, bevor ich Judith heiratete. Sie kam nämlich wenige Wochen vor unserer Hochzeit zu mir und gestand mir, dass sie vor ein paar Monaten eine kurze Affäre mit Peter gehabt hätte und nun schwanger von ihm sei. Im ersten Moment war ich natürlich sehr wütend - enttäuscht - verletzt - und wollte die bevorstehende Heirat abblasen."

"Weshalb hast du es nicht getan?"

"Es ist so: Ich hatte als Halbwüchsiger einen ziemlich hässlichen Unfall, an dem ein Stacheldrahtzaun entscheidend beteiligt war. Deshalb kann ich keine Kinder bekommen. Als ich über Judiths Schwangerschaft nachdachte, bin ich mir bewusst geworden, dass dies wohl meine einzige Chance war, jemals Nachwuchs zu haben. Ausserdem wurde mir klar, dass ich Judith zu sehr liebte, als dass ich sie einfach sitzen lassen könnte. Ich habe ihre Schwangerschaft dann akzeptiert und Stefan wie meinen eigenen Sohn grossgezogen. Er ist mein Sohn."

Kurt betrachtete ihn und grinste wieder breit. Was konnte man zu dieser Wendung sagen? Es blieb theoretisch immer noch die Möglichkeit, dass Judith die Täterin war. Aber nach dem, was er gerade gehört hatte, war dies sehr unwahrscheinlich.

"Da geht deine schöne Theorie also den Bach hinunter", sagte Kurt.

"Das kann man so sagen. Nun können wir wieder von vorn beginnen."

"Vielleicht hilft dir Folgendes", begann Kurt. „Am Abend vor seinem Tod hat Peter uns erzählt, dass er in Genf grosse Probleme mit einem mächtigen Kunden aus Russland hatte. Könnte nicht der dahinter stecken?"

Der grosse Unbekannte ... Sicher, angesichts der nicht identifizierbaren Fingerabdrücke auf der Rebschere in Peter Mühlemanns Hals, war das eine Möglichkeit ...

 

Tanner verliess das Haus der Mühlemanns. Wie er die wenigen Stufen vor der Haustür hinunter stieg, hörte er hinter sich wütendes Hundgebell und scharrende Krallen. Er drehte sich um und sah Köbi, Vater Mühlemanns Pudel auf sich zuschiessen. Von wegen rheumatische Beine! Der Hund bewegte sich schnell und zielbewusst. Und schon stürzte sich der Pudel auf seine Wade, und er spürte schmerzhaft, wie sich die Zähne der schwarzen Furie in seine Fleisch schlugen.

"Scheissköter", schrie er unwillkürlich und versuchte den Hund mit einem Schlag auf den Kopf loszuwerden, aber der liess sich nicht so leicht abschütteln und begann an seinem Bein zu zerren. Das schmerzte höllisch. Endlich bekam er den Hund als Halsband zu fassen und konnte ihm die Luft abdrehen. Der Pudel liess kurz los, keuchte und wollte sofort wieder angreifen.

Kurt Mühlemann riss die Tür auf. Offenbar hatte er den Radau gehört und erkannte schnell, was los war. Er packte das wild gewordene, kläffende Tier am Halsband und zog es weg.

"Das wird langsam zur Gewohnheit", sagte er grinsend. „Immer muss ich dich vor lebensgefährlichen Angriffen meiner Mitbewohner schützen." Dann wurde er ernst. „Vielleicht wäre es am besten, wenn du nicht mehr herkommst."

"Das werden wir sehen", antwortete Tanner. Er zog das zerrissene Hosenbein ein Stück hoch und betrachtete seine verletzte Wade. Die kurzen Zähne eines Pudels konnten zwar keine schlimmen Verletzungen hervorrufen, aber es waren doch mehrere blutende Bisslöcher zu sehen. Er musste auf jeden Fall zum Arzt.

Ohne ein weiteres Wort ging er zum Traktor, stieg auf und startete den Motor. Ruckelnd fuhr er los.

Da dudelte sein Handy. Es war Peyer, der Schaffhauser Ermittler.