Rebensaft - der Radio Munot Krimi von Hans Rudolf Graf
Folge 11 vom 7. September 2009 zum hören
Geständnis !
"Wo hat Hugo mein Auto zerlegt?" wollte Tanner von seinem Kollegen Xeno Peyer wissen. Nicht dass er besonders an seinem Wagen hängen würde, aber es war eben seiner. Er hatte ihn bezahlt von seinem sauer verdienten Geld. Er pflegte ihn - mehr oder weniger. Er brauchte ihn.
"Schwaninger ist nicht einmal bis zum nächsten Dorf gekommen."
"Ist er verletzt?"
"Hat sich offenbar den Kopf angehauen. Sonst nicht viel."
"Dann nichts wie hin." Das war leichter gesagt als getan. Sein Wagen war ja weg. Meier drei, der Kollege von der Spurensicherung, den Peyer hinter Hugo her geschickt hatte, war mit dem Streifenwagen unterwegs. Da blieb nur eines. Peyer war auf den gleichen Gedanken gekommen.
"Wir nehmen den Bührer. Steigen Sie auf." Peyer ging mit schnellen Schritten zum alten Traktor und setzte sich hinters Steuerrad. Mit einer Handbewegung und wies er ihn an, sich hinter dem Fahrersitz hinzustellen. Peyer schien zu wissen, was er tat. Konnte er Traktor fahren? Mit etwas gemischten Gefühlen gehorchte er Peyers Anweisung und stellte sich hinter ihn.
Gleich beim ersten Anlassversuch startete der Motor. Erstaunlich. In diesem Menschen steckte mehr als man vermuten würde.
"Los gehts", rief Peyer und legte den ersten Gang ein. Tanner konnte sich gerade noch irgendwo festhalten, schon fuhr der Traktor los. Peyer beschleunigte, was der alte Motor hergab.
"Sie erstaunen mich", schrie Tanner durch den Motorlärm.
"Ich besitze selbst die eine oder andere alte Landmaschine."
"Ich hätte eher auf einen Bentley getippt."
"Ja, das auch."
Das wurde ja immer bunter. Alte Landmaschinen. In der Mehrzahl! Ein Bentley. Wie konnte sich ein Polizist einen Bentley leisten? Das konnte nur gehen, wenn er neben seinem Gehalt noch eine andere Geldquelle hatte.
Sanft schaltete Peyer die Gänge höher, bis sie schliesslich mit satten zwanzig Stundenkilometern dahin jagten. Er hatte wirklich Gefühl für die alte Technik.
Das Geld könnte er geerbt haben. Schliesslich stammte er aus einer alten Schaffhauser Familie. Die Villa, die Peyer bewohnte, hatte er zwar nur einmal gesehen - nachts - sie wirkte aber beeindruckend.
"Sie restaurieren die Landmaschinen selbst?" Der Motor des Bührers war kaum zu überschreien.
"Das ist eine meiner Leidenschaften", rief Peyer zurück.
"Sie haben mehrere?"
"Literatur zum Beispiel." Das passte wieder eher zum Bild, das er sich von Peyer gemacht hatte. Auch klassische Musik würde zu ihm passen.
"Und Jazz-Musik." Ja, Jazz ging auch noch durch.
Peyer drehte sich zum ihm um. Seine Mundwinkel waren einige Millimeter hochgezogen - er lächelte also. Ein wenig verlegen?
"Ich spiele Saxofon."
"Saxofon?" Ausgerechnet. Piano oder Kontrabass hätte er sich noch vorstellen können. Aber ein so sinnliches Instrument wie Saxofon - das man mit dem Mund spielte. Unglaublich. Irgendwie wurde ihm dieser Kerl langsam sympathisch. Er hatte sehr interessante Seiten. Wenn er bloss nicht so ein Eisblock wäre.
"Wir sind da."
Es sah schlimm aus für seinen Wagen. Hugo war auf dem offenen Feld in einer Linkskurve von der Strasse abgekommen und hatte sich überschlagen. Ein grosser Haufen Zuckerrüben hatte seinen Sturz aufgehalten. Die Rüben lagen weit über das Feld verstreut. Das Dach des Wagens war förmlich zerknittert, alle Scheiben zersplittert.
Hugo hockte am Boden neben dem Streifenwagen und lehnte mit dem Rücken am Hinterrad an. Er hielt sich den Kopf, während Meier drei seine stark blutende Stirnwunde versorgte.
"Wir fassen Ihre Flucht als Geständnis auf, Herr Schwaninger." Peyer kam gleich zur Sache. Da war er wieder der Eisblock.
"Ach, leck mich doch", murmelte Hugo. Und dann lauter. "Was erlaubt der sich eigentlich, meinen Traktor zu fahren."
"Ach, das stört dich? Dass du meinen Wagen geklaut und zu Schrott gefahren hast, das ist in Ordnung?"
"Nein", Hugo klang kleinlaut. "Ich weiss auch nicht, was ich dabei gedacht habe."
"Mir hingegen ist alles klar." Peyers Stimme war schneidend. "Sie haben gemerkt, dass sie in der Klemme stecken, haben den Kopf verloren und sind geflüchtet. Wie gesagt, ein Geständnis."
Hugo verwarf die Hände. "Jaja, schon gut. Die Rebschere habe ich ihm verpasst."
"Sie gehört also doch Ihnen."
"Nein."
"Wem denn?"
"Peter lag da, neben ihm die Rebschere. Ratsch! Nutzen Sie die günstige Gelegenheit, wie es im Warenhaus heisst."
"Herr Mühlemann soll schon dagelegen haben?"
"Er blutete am Kopf und war bewusstlos."
"Quatsch."
"Kein Quatsch. Jemand hatte für mich vorgearbeitet."
"Von den forensischen Untersuchungen wissen wir, dass er niedergeschlagen wurde, bevor ihn die Rebschere ereilte. Und das wollen Sie nicht gewesen sein?"
Es stimmte also. Sein alter Kumpel Hugo hatte Peter getötet. Und hatte völlig ruhig am Bührer geschraubt, nachdem er Peters Leiche entdeckt hatte und blutverschmiert aus den Reben geklettert war. Nie hätte er in diesem Moment gedacht, dass Hugo dahinter stecken könnte. Dann hatte Hugo sogar versucht, ihm den Mord in die Schuhe zu schieben. Und jetzt behauptete er, Peter zwar die Rebschere verpasste zu haben, dass dieser aber vorher schon halb tot gewesen sei. Das klang so absurd, dass es schon fast wieder wahr sein konnte.
Und plötzlich war er wieder da, der grosse Unbekannte. Der, von dem die Fingerabdrücke auf der Rebschere stammten. Hugo trug Arbeitshandschuhe, als er Peter die Rebschere in den Hals rammte. Handschuhe mit Blutspuren hatten sie ja gefunden. Deshalb waren seine Fingerabdrücke nicht auf der Schere. Und per Zufall hat er die fremden Fingerabdrücke nicht verwischt.
"Man könnte Ihnen fast glauben", stimmte Peyer seinen Gedanken zu.
"Glaubt doch was ihr wollt, mit ist alles ... scheisse, mir wird schwindlig." Hugo blinzelte, schüttelte den Kopf, griff sich an die Stirn. Er atmete tief. Seine Augen wurden schmal. Dann verdrehten sie sich und Hugo sank langsam auf die Seite.
Meier drei sprang herbei und fing ihn auf. "Ich habe die Ambulanz bereits alarmiert, Sie wird gleich da sein", meldete er. "Scheint doch eine üblere Gehirnerschütterung zu sein."
"So ein Mist. Dass er uns ausgerechnet jetzt wegdämmern muss, mitten im Geständnis. Vielleicht hätten er uns den Grund genannt, warum er Peter töten wollte. Der ist mir nämlich immer noch völlig unklar."
Was war ihm damals entgangen, als diese Geschichte ihren Anfang nahm? Was hatte sich vor über zwölf Jahren zwischen seinen Freunden und Kollegen alles abgespielt, das nun - so viele Jahre später - in einem Mord geendet hatte? Hoffentlich kam Hugo bald wieder zu sich, damit er darüber mehr erfahren konnte.
Wenig später traf die Ambulanz ein. Die Rettungssanitäter luden Hugo sofort auf. Er wurde intubiert und an verschiedene Infusionen gehängt. Sie machten ernste Gesichter als sie mit Blaulicht und Sirene davon rasten.
"Wir haben also nur einen Teil der Lösung", sagt er zu Peyer.
"Wenn wir glauben, dass Mühlemann schon da lag, als Schwaninger ihn fand."
"Und die Rebschere gleich daneben lag."
"Und wenn wir akzeptieren, dass Schwaninger ein Mordmotiv hatte."
"Wer hat Peter niedergeschlagen? Es muss noch jemand ein Mordmotiv haben."
"Doch die Russen?" Peyer sah skeptisch aus.
"Das glaube ich erst, wenn wirklich nichts anderes mehr übrig bleibt."
"Welche Möglichkeiten sehen Sie denn noch?"
"Die Mühlemanns. Sie waren offenbar nicht glücklich über Peters Rückkehr. Es kann sein, dass Kurts Sohn in Wirklichkeit von Peter ist. Kurt war deshalb vielleicht wütend auf Peter. Judith könnte sich dafür rächen wollen, dass Peter sie mit dem Kind sitzen liess - ich sehe durchaus Potenzial. Jetzt will ich wissen, was los ist."
"Können Sie den Bührer fahren? Ihr Auto ist ja Schrott."
"Selbstverständlich. Ich bin praktisch mit Traktoren aufgewachsen."
"Ein Bührer ist nicht einfach ein Traktor."







