Rebensaft - der Radio Munot Krimi von Hans Rudolf Graf

Folge 10 vom 10. August 2009                   zum hören

Flucht !

Was bisher geschah 

 

Da standen sie nun vor dem Oldtimer-Traktor. Hugo Schwaninger, ihm gegenüber Georg Tanner, daneben Xeno Peyer, der Schaffhauser Ermittler. Und dessen Kollegen untersuchten weiter minutiös Hugos Traktor nach Spuren.

Eigentlich hätte Tanner schon eine Reaktion von Hugo erwartet, nachdem er ihm gesagt hatte, dass auf seinem Traktor Blutspuren gefunden worden seien. Eine Frage, wie "Wo soll Blut sein?" oder ähnlich. Auch Peyer schaute Hugo erwartungsvoll an.

"Soso, jetzt verdächtigt die Polizei also auch mich", sagte Hugo endlich und schaute Tanner in die Augen.

"Jeder kommt mal dran", sagte Peyer. "Erst hatten wir Herrn Tanner in Verdacht, dann - dank Ihrer Hinweise - die Mühlemanns. Und nun sind Sie eben dran."

Tanner staunte. Das war eindeutig Humor gewesen, den der sonst so knochentrockene Peyer da gezeigt hatte. Aber Hugo liess sich davon nicht beeinflussen. Er sprach weiterhin nur mit ihm.

"Du enttäuscht mich Georg. Bei unserer alten Freundschaft. Aber du hast ja schon früher nicht viel von Freundschaft gehalten. Wenn ich nur daran denke, wie du Peter Laura ausgespannt hast."

"Freundschaft hin oder her", sagte Peyer scharf. "Mit Ihren geheimnisvollen Hinweisen auf die Mühlemanns, die bisher alle im Sand verlaufen sind, haben Sie sich selbst verdächtig gemacht."

"Obwohl meine Fingerabdrücke nicht auf der Tatwaffe sind?"

"Woher wissen Sie das?", fragte Peyer.

"Dann wäre ich längst verhaftet, nicht wahr? Sie suchen hier doch nur auf gut Glück ein wenig herum. Haben Sie eigentlich eine Erlaubnis dafür?"

"Du kannst sie gerne sehen", sagte Tanner. "Hast du nun eine Erklärung für die Blutspuren am Traktor?"

"Da sind keine."

"So? Und was ist dann dies hier?" Peyer deutete auf die verdächtigen Flecken.

Hugo Schwaninger beugte sich widerwillig über das Schutzblech und betrachtete die kleinen braunen Flecken genau. Dann richtete er sich auf.

"Diese winzigen Flecken sollen Blutspuren sein? Das ist doch einfach irgendwelcher Schmutz", sagte er verächtlich. Dann zuckte er die Schultern. "Naja, vielleicht sind es tatsächlich Blutflecken. Und der da ..." er nickte in Richtung Peyer, "... denkt natürlich, sie seien vom toten Peter und ich hätte sie nach seiner Ermordung aus Unachtsamkeit hier hingeschmiert. Ja, schön ausgedacht. Aber könnten sie nicht auch von dir stammen, Georg?"

"Von mir?" Wollte Hugo nun wieder ihm die Schuld zuschieben?

"Als ich den Bührer reparierte und du blutverschmiert aus den Reben hochkamst."

"Ich bin gar nicht so nahe zum Traktor gekommen."

"Weißt du das noch so sicher? Ist das dort übrigens dein Auto, Georg."

"Ja, aber was soll ..."

"Steckt der Schlüssel?"

Weshalb wollte Hugo das wissen? Steckte da wieder einer seiner Hinweise dahinter? Er griff in die Hosentasche und sucht den Schlüssel, fand ihn aber nicht.

"Ja, offenbar steckt er."

"Na, dann pass mal auf", sagte Hugo und ging zum Auto. Peyer und er schauten sich stumm an. Hugo öffnete die Fahrertür und stieg ein. Dann startete er den Motor. Plötzlich schaltete Tanner.

"Er will abhauen!" rief er und lief los - aber zu spät. Hugo legte den ersten Gang ein und schoss mit durchdrehenden Rädern davon. Das Auto bog schlingernd auf die Strasse ein, die Richtung Dorf führte und heulte davon. Tanner rannte ein paar Schritte hinterher, sah aber schnell ein, dass das nichts brachte. Das durfte doch nicht wahr sein. Sein eigener Wagen als Fluchtfahrzeug eines Tatverdächtigen.

"So ein eiskalter Kerl", sagte Peyer zu Tanner als dieser erregt zurückkam. Dann wandte er sich an einen der Kollegen, denen der laute Start des Autos natürlich nicht entgangen war. "Los Meier drei", rief er dem Kollegen zu. "Nehmen Sie den Streifenwagen und verfolgen den Kerl." Der Kollege rannte los, startete das Auto und fuhr mit Blaulicht und Martinshorn in Richtung Dorf. Peyer wählte eine kurze Nummer auf seinem Handy.

"Peyer hier", sprach er hinein. "Dringender Fahndungsaufruf. Ein Verdächtiger im Mordfall Mühlemann ist mit einem Auto auf der Flucht. Kennzeichen BS 145387 Alarmierung aller Einheiten und auch der Grenzwache. Vielleicht versucht er über die Grenze zu fliehen."

"Das hätte ich Hugo niemals zugetraut", sagte Tanner zu Peyer, nachdem dieser aufgelegt hatte. "Dass er uns so austricksen könnte."

"Ja, es scheint mehr in dem Mann zu stecken, als es den Anschein macht. Aber das wird ihm nichts nützen. Wir bekommen ihn."

Tanner fühlte sich Schuld an Hugos Flucht. Wieso liess er auch die Schlüssel stecken? Er wollte gerade Peyer etwas in dieser Art sagen, sein Handy dudelte. Es war Kurt Mühlemann, der Bruder des getöteten Peter. Er klang sehr erregt.

"Bisher hatte ich Verständnis für dich Georg. Aber jetzt ist genug."

"Wovon redest du?"

"Ich rede davon, dass du in den alten Liebschaften von Judith herumwühlst, ohne Verständnis dafür, dass wir - unsere Familie - gerade eben einen schweren Verlust haben hinnehmen müssen."

Diese Reaktion war zu erwarten gewesen, überlegte Tanner. Kein Mann hatte es gern, wenn seine Frau über frühere Beziehungen sprach. Judith - Kurts Frau - schien hingegen keine Probleme mit ihrer reichlich bunten Vergangenheit zu haben. Sie hatte ihm freimütig von ihren Beziehungen zu Hugo Schwaninger und Peter Mühlemann erzählt. Aber Kurt konnte das nicht egal sein. Immerhin war Judiths Abenteuer mit seinem Bruder Peter in die Zeit gefallen, als er eigentlich schon fest mit Judith zusammen war. Das war sicher nicht ohne Probleme zwischen den beiden verlaufen. Aber da war noch etwas anderes, das jetzt auch einmal geklärt werden musste.

"Jetzt endlich fällt dir also ein, dass der Tod deines Bruders ein schwerer Verlust war? Bisher hatte ich nicht den Eindruck, dass in deiner Familie besonders darüber getrauert würde."

"Und warum ist Vater wohl mit der Mistgabel auf dich losgegangen?"

"Er war wütend auf mich, weil ich Peter seiner Meinung nach getötet hatte, als Laura zu mir kam. Das hatte nichts mit Peters jetzigem - wirklichem - Tod zu tun."

"Ja, du kennst Vater natürlich so gut, dass du seine Beweggründe genau verstehst, nicht wahr?"

"Wie auch immer. Vielleicht hast du ja Recht und seine Trauer hat sich tatsächlich im Mistgabelangriff geäussert. Auf jeden Fall waren Judith und du nicht sehr froh über Peters Auferstehung."

"Du hast ja keine Ahnung, was dies für ein Schock ..." begann Kurt.

"Ja, ich habe keine Ahnung", unterbrach ihn Tanner. "Aber langsam wäre es auch für euch gut, wenn ihr mich einmal genauer darüber ins Bild setzen würdet. Allmählich bekomme ich nämlich den Eindruck, dass bei Euch etwas faul ist. Vielleicht sollten wir nochmals genau nachschauen kommen, ob die Rebschere nicht doch Euch gehört."

"Und wenn schon; unsere Fingerandrücke sind nicht drauf."

Alle schienen zu wissen, dass ihre Fingerabdrücke nicht gefunden worden waren.

"Denn sonst wärt Ihr schon längst verhaftet", sagte Tanner genervt.

"Äh ... ja genau ... das war es, was ich dachte."

"Wie auch immer, Peyer und ich werden euch sehr bald nochmals genau befragen. Wir müssen mehr über die Hintergründe von Peters Rückkehr wissen." Er sah aus den Augenwinkeln, wie der verbliebene Kollege Peyers zu jenem ging und ihm etwas zeigte. Peyer winkte Tanner daraufhin stumm zu sich.

"Aber jetzt habe ich anderes zu tun", sagte er zu Kurt Mühlemann und hängte auf. "Was gibt es", fragte er Peyer.

"Wir haben im Werkzeugkasten einen Arbeitshandschuh gefunden, der ebenfalls Blutspuren aufweisen könnte." Er zeigt ihm den Handschuh. Tatsächlich waren darauf winzige kleine Flecken zu sehen, die Blut sein könnten. Er nickte dem Beamten anerkennend zu, denn um diese Flecken zu finden, musste man schon sehr gut schauen.

"Und diese Flecken stammen mit Sicherheit nicht von mir", sagte er. "Wenn sie sich denn als Blut von Peter erweisen sollten."

Peyer erhielt einen Anruf aufs Handy. Er meldete sich und lauschte. "Wir kommen", sagte er, legte auf und schaute Tanner an.

"Tja, tut mir aufrichtig leid, Herr Tanner. Aber Ihr Auto hat offenbar einen Totalschaden erlitten."

"Hatte Hugo einen Unfall?"