4

 

Georg Tanner genoss das Knarren des alten Buchenfußbodens, wenn er ihn am Morgen als Erster betrat. Auf den Metern zu seinem Büro ließ er sich gerne vom fast körperlichen Geräusch des uralten Holzes begleiten. Wer wohl alles schon über diese Dielen geschritten war? Kaufleute, Adlige, Geistliche, gewöhnliche Bürger. Damals, als das Gebäude noch jung war. Hunderte Jahre später, das herrschaftliche Barockhaus war zum Altersheim »Marthastift« geworden, schritten Pantoffeln und Schlappen der Pensionäre sowie die Birkenstocksandalen des Pflegepersonals über die Dielen. Seit einigen Jahren ließen nun Polizisten den Boden erknarren - und hin und wieder ein Gesetzesbrecher. Er fragte sich, welche von all diesen Füßen dem Boden wohl am liebsten gewesen waren.

Schwungvoll öffnete er die Tür zu seinem Büro, dessen hoch über den Fischmarkt hinaus schauende Fenster bereits erste Sonnenstrahlen in den Raum ließen. Endlich Frühling! Die Uhren waren auf Sommerzeit umgestellt worden, der Winter war überstanden. Nun begann das eigentliche Leben wieder. Das fehlende Licht am Morgen und am Abend machte ihm jeden Winter mehr zu schaffen. Er war jetzt dreiundvierzig Jahre alt - wie würde das erst sein, wenn er sechzig war?

Er ging zu seinem hellgrauen Metallschreibtisch und pfiff eine alte Swing-Melodie: My Baby just cares for me. Fast war es, als ob Anne noch in seinen Armen läge, wie gestern Abend, als sie Nina Simone aufgelegt und langsam dazu getanzt hatten.

Er setzte seine fünfundachtzig Kilo - oder waren es schon sechsundachtzig? - auf den hellgrauen Bürostuhl, rollte an den Schreibtisch und lehnte sich zurück. Eigentlich war sein Büro ziemlich trostlos. Abgesehen von Schreibtisch und Bürostuhl standen ein paar Aktenschränke drin - selbstverständlich hellgraue. Zwölf Jahre schon war das sein Büro, und noch immer hatte er keine Bilder an die weiß getäfelten (richtig?) (die Wände weisen eine Holztäferung auf („Täferung" kennt das Rechtschreibeprogramm nicht! „Täfelung" kennt es ...). Auf Schweizerdeutsch würde man „getäfert" sagen. Und Hochdeutsch???) Wände gehängt. Nur der riesige Eichentisch, der wohl schon hunderte Jahre hier stand, gab dem Raum etwas Wärme. Ein halbes Dutzend hellgrauer Metallstühle stand um ihn herum. Dahinter befanden sich zwei Pinwände für Fotos, Notizen und Karten, die für laufende Ermittlungen gebraucht wurden. Im Moment waren die Pinwände leer.

Er streckte den Rücken, spannte die Schulter- und Armmuskeln. Die waren eigentlich noch ganz in Ordnung. Wobei ein etwas häufigeres Training ihnen sicher nicht schaden würde. Dann wäre auch die Frage, ob fünf- oder sechsundachtzig Kilo kein Thema mehr.

Was lag da vor ihm auf dem Schreibtisch? Ein Haar - grau. Das konnte ja wohl nicht von ihm stammen, oder? Dieses Corpus Delicti konnte unmöglich aus seinem vollen Haarschopf gestürzt sein. Allerdings ... eine gewisse Farbschattierung hatte er im Spiegel auch schon festgestellt.

Ach, die Zeit ...

Er startete den Computer und machte sich an den Papierkram. Schon erstaunlich, wie leicht einem das Berichtschreiben fiel, wenn der Druck der Ermittlungsarbeit weg war. Heute würde er wieder einmal Gelegenheit für ein ausgiebiges Mittagessen haben. Er freute sich wie ein Schuljunge auf seine Verabredung mit Anne. Aber das kam später, zuerst musste der Papierkram vom Tisch.

Zwei Stunden später war sein Schreibtisch leer, der letzte Bericht erledigt. Fast wie bestellt ging die Tür auf und Annegreth Weber kam mit einer dampfenden Tasse Kaffee und einer Zeitung herein. Frau Weber war offiziell die Sekretärin von Mord und Totschlag. Von ihr aber nur als Sekretärin zu reden, traf den Kern bei Weitem nicht. Sie war eine Künstlerin bei Nachforschungen im Cyberspace. Ihre konservative Kleidung und die anspruchslose halblange Frisur täuschten darüber hinweg, dass sie in Sachen Internet, Datenbanken und Datenbanksicherheit immer auf dem neuesten Stand war. Sie kannte Mittel und Wege, um an elektronisch gespeicherte Informationen zu kommen. Ihre Fähigkeiten hatten schon öfter wichtige Erkenntnisse in Verbrechensfällen gebracht. Selbstverständlich waren die so beschafften Informationen vor Gericht nicht verwendbar, aber sie halfen ihnen mitunter, in gewissen Fällen auf die richtige Spur zu kommen.

»Na, heute schon in Nordkorea gewesen?«, fragte er sie grinsend.

»Ich stöbere nur ein wenig im Kreml herum«, antwortete sie mit ernster Miene.

Sein Grinsen gefror. Das war die Kehrseite. Bei diesen Sachen wusste man nie genau, ob sie scherzte oder nicht.

»Ich chatte gerade mit dem Chef des KGB«, fügte sie an. Dann wandelte sich ihre Miene zu einem Lächeln. Es war also ein Scherz gewesen - zum Glück. Sie legte ihm die Zeitung auf den Schreibtisch - die heutige Ausgabe des Blattes. Den Kaffee stellte sie auf die Schreibtischplatte und schon war sie wieder weg.

»Und danke für den Kaffee«, rief er hinter ihr her. Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück und schlug das Blatt auf. Der Leitartikel stammte von Jenny Kliebenschädel. Natürlich von der Kliebenschädel! Was hatte er schon Probleme mit dieser Reporterin gehabt - seinen Job hätte er ihretwegen einmal beinahe verloren. Aber heute war seine Laune so gut, dass ihm sogar ihr neuester, sicher wie üblich reißerischer Artikel nichts würde anhaben können. Er überflog die einleitenden Zeilen und las dann genauer.

»... während die Fahrgäste der Straßenbahn Nummer 8 weiterhin in Quarantäne verbleiben müssen. Das kantonale Gesundheitsamt wollte keine Angaben zur Todesursache der Biologin machen. Aber, so Peter Braugli, Chef des Gesundheitsamtes: »Der Verdacht auf eine akute Viruserkrankung kann vorerst nicht ausgeräumt werden«. Zusätzlich erneuerte er den Aufruf an die Fahrgäste der Todesbahn, die sich nach dem Ereignis vom Ort entfernt hatten: »Vermeiden Sie Kontakte zu Mitmenschen und begeben Sie sich umgehend in die Quarantänestation des Kantonsspitals.«

Zum Glück war bisher keiner auf die Idee gekommen, auch die Polizisten unter Quarantäne zu stellen, die für Ermittlungen vor Ort gewesen waren. Er würde auch niemanden darauf hinweisen, denn er hatte keine Lust, Tage oder gar Wochen in einer engen Spitalstation zu verbringen.

»Manche mögen es als Glücksfall bezeichnen, dass der Basler Pharmagigant Steinhousy-Werke über ein funktionstüchtiges, sogenanntes Stufe-vier-Sicherheitslabor verfügt. Braugli: »Die Steinhousy-Werke haben es uns kostenlos für die Untersuchung der Toten zur Verfügung gestellt.«

Die getroffenen Maßnahmen mögen auf den ersten Blick zielgerichtet erscheinen. Bei näherem Betrachten können sie aber nicht über die Hilflosigkeit der Behörden im Umgang mit der in unserer Stadt aufgetauchten tödlichen Bedrohung hinwegtäuschen. Es wird schonungslos klar, dass in unserem Kanton niemand auf ein aggressives Virus vorbereitet war, das die ganze Bevölkerung bedroht. Ein geradezu kolossales Versäumnis, angesichts der längst bekannten Existenz von solch verheerenden Krankheiten wie dem Ebola-Fieber ...«

Sein Telefon klingelte. Unwillkürlich hoben sich seine buschigen Augenbrauen. Ein Anruf bedeutete oft einen neuen Fall. Und der könnte sein Mittagessen mit Anne in Gefahr bringen. Natürlich könnte man den Apparat einfach läuten lassen ... vielleicht war man ja gerade auf der Toilette ...

Am Apparat war Dr. Bernstein, der Rechtsmediziner.

»Ich wette, Sie haben sich schon gefreut, dass Sie mit der Toten aus der Straßenbahn nichts zu tun haben«, quäkte es an sein Ohr. Er konnte die Schadenfreude förmlich aus dem Hörer triefen sehen.

»Was offenbar ein Irrtum war ...«, antwortet er. So ein Mist.

»Kommen Sie doch mal bei Steinhousy vorbei. Wissen Sie, wo das Sicherheitslabor liegt?«

»Keine Ahnung.«

»Fragen Sie am Empfang, die führen Sie hin.«

»Wieso sind Sie eigentlich dort? Sollten nicht die Virensucher am Werk sein?«

»Ich gebe meine Leichen nicht gern aus der Hand, bevor die Todesursache definitiv geklärt ist. War richtig mein Entschluss. Sie werden sehen.«

Seine Leute sollten mittlerweile zurück sein, dachte Tanner. Dann konnte er Anette Beckmann mitnehmen und Doktor Bernstein vorstellen.

»Wenn der Rechtsmediziner ruft, lässt der Polizist natürlich alles fallen und rennt los. Ich hole noch die Neue, dann komme ich.«

»Die Neue?«

»Sie werden sehen.«

 

5

 

»Eingerichtet wurde das Sicherheitslabor für die Entwicklung von Impfstoffen gegen einige sehr aggressive Viren, die früher großen Schaden bei Nutztieren anrichteten.« Dies erklärte Frau Hofmann, die ihn und Anette Beckmann am Empfang der Steinhousy-Werke abgeholt hatte. »Als die Medikamente vor etwa fünf Jahren entwickelt und auf dem Markt waren, wurde das Labor stillgelegt.«

»Aber funktioniert denn alles noch so, dass kein Risiko besteht?« wollte Anette Beckmann wissen.

»Jene Einrichtungen, die für die Verhinderung einer Virenfreisetzung entscheidend sind, sind perfekt in Ordnung. Bei Kleinigkeiten bestehen noch geringfügige Probleme, aber die Sicherheit ist damit in keiner Weise infrage gestellt.«

Er schaute sie von der Seite an. Eine zweifellos gut ausgebildete Public-Relations-Fachfrau, diese Hofmann. Zumindest beherrschte sie die Standardformel - quasi das Mantra - der Krisenmanager einwandfrei. »Es handelt sich zwar um eine Riesenkatastrophe, aber für die Bevölkerung besteht keine Gefahr«. Noch wenn kein Mensch weiß, was eigentlich los ist, wird vorsorglich schon abgewiegelt. Genau diese Art von Äußerungen machte ihn immer misstrauisch.

Das Werkgelände war riesig. Seit zehn Minuten wurden sie von Frau Hofmann durch Gebäude, über Verkehrswege und Werkhöfe geführt. Unzählige elektronisch verriegelte Sicherheitstüren waren mittels Schlüssel oder Daumenscanner zu überwinden. Längst hatte er die Orientierung verloren. Endlich erreichten sie das Gebäude mit dem Hochsicherheitslabor. Ein Lift brachte sie in den Untergrund. Es war unmöglich abzuschätzen, wie tief unter der Oberfläche sie waren, als sie in einen grell beleuchteten Raum geführt wurden. An den Seitenwänden erstreckten sich Pulte voller Computerbildschirme. Davor saßen drei Personen in Labormänteln und überwachten Grafiken, Skalen und Anzeigen. An der Frontwand bildete ein fast zwei Meter breiter Flachbildschirm das Zentrum des Überwachungsraumes. Darauf war das Innere des eigentlichen Hochsicherheitsbereichs des Labors zu erkennen. Frau Hofmann wies ihnen zwei Sessel an einem in der Mitte des Raumes platzierten Pult zu. Dieses diente offenbar der Kommunikation mit dem Sicherheitslabor, denn darauf fand sich neben weiteren Bildschirmen eine Gegensprechanlage.

»Selbstverständlich ist kein direkter Einblick in das Hochsicherheitslabor möglich«, erklärte ihm Frau Hofmann. »Das Risiko einer schadhaften Fensterdichtung ist viel zu groß. Alle Datenübertragungen erfolgen drahtlos. Wenn Sie mit dem Labor sprechen wollen, drücken Sie einfach diese Taste und sprechen in das Mikrofon. Wenn sie hier sitzen, werden Sie von der Kamera über dem Großbildschirm optimal erfasst. Im Labor befindet sich ein weiterer Bildschirm, auf dem Sie zu sehen sind.«

Auf ihrem Bildschirm waren drei Personen zu erkennen. Zwei von ihnen saßen in dicke lindgrüne Schutzanzüge gekleidet an Labortischen im Hintergrund des Labors und hantierten an Geräten. Sie trugen geschlossene Schutzmasken mit Schläuchen, die an Atemgeräten auf ihrem Rücken endeten. Im Vordergrund stand Doktor Bernstein, der dieselbe Ausrüstung trug, aber die Schutzmaske auf die Stirn hochgeschoben hatte. Außerdem stand sein Schutzanzug vorn offen. Hinter ihm war eine zugedeckte Leiche auf einer Sezierwanne zu erkennen. Als der Rechtsmediziner ihn und seine Begleiterin erblickte, trat er näher zur Kamera und drückte die Sprechtaste der Kommunikationsanlage.

»Das ist die Neue?«, fragte er und ließ die Taste los.

Tanner drückte seine Sprechtaste »Anette Beckmann verstärkt seit heute unser Team.« Zur Assistentin gewandt erklärte er: »Das ist Doktor Bernstein. Er ist der Chef der Rechtsmedizin. Wir nennen ihn auch den Leichenmagier«. Es war ihm wichtig, dass die junge Kollegin sich der großen Bedeutung der Rechtsmedizin bewusst war und die entsprechende Achtung davor hatte. Sie nickte dem Mediziner lächelnd zu.

Die nachlässige Bekleidung Bernsteins wunderte ihn. Immerhin ging es hier um ein hochgefährliches Virus. Er drückte die Sprechtaste.

»Eine Tröpfcheninfektion beim Niesen ist vom Opfer zwar kaum mehr zu erwarten, aber sind Sie nicht doch etwas salopp gekleidet - bei einem Virusopfer?«

Bernstein antwortete, seine Worte waren jedoch nicht zu hören. Da merkte Tanner, dass er immer noch die Sprechtaste gedrückt hielt. Schnell ließ er sie los.

»Sie wurde vergiftet«, sagte Bernstein grinsend.

Darum ging es also. Die Virustheorie war geplatzt und Mord und Totschlag hatte einen neuen Fall.

»Offenbar ein sehr schnell wirkendes Gift, nach den Berichten über die Vorfälle in der Straßenbahn zu schließen«, sagte er. Bernstein formte mit seiner Rechten einen Hörtrichter am Ohr. Mist, er hatte die Sprechtaste nicht gedrückt. Dass es in diesem hochmodernen Labor keine besseren Kommunikationsmöglichkeiten gab? Er drückte die Taste und wiederholte seine Bemerkung.

»Curare«, kam die Antwort mit einem Knistern aus dem Lautsprecher.

»Curare?«

»Curare«, bekräftigte der Arzt, der ihm den Namen des Giftes offenbar von den Lippen gelesen hatte, denn er hatte die Sprechtaste nicht gedrückt. Südamerikanisches Pfeilgift! Konnte das sein?

»Wir wissen aber noch nicht, welche Art dieses Giftes«, fuhr Bernstein fort. »Darüber werden erst die Laboranalysen Auskunft geben.« Es knisterte wieder elektronisch, als er die Sprechtaste losließ.

»Wie wurde ihr das Gift verabreicht?«

»Keine Ahnung«, antwortete Dr. Bernstein durch ein Knistergewitter.

»Wie bitte?« War das sein Ernst? Bisher hatte der Leichenmagier bei solch wesentlichen Fragen immer eine Antwort gewusst. Bernstein hatte seinen ungläubigen Blick wohl gesehen. Er erklärte die Sache, von immer stärker werdenden Störungen in der Sprechanlage unterbrochen.

»Curare wirkt nur, wenn ..... chcchzzzz ... Blutkreislauf gelangt. Klassischerweise als Pfsschhchz .... Es wirkt nicht, wenn es eingeatmet odchzzzchchzz ... wird ...zzzchhzhchch ... keine Einstichstelle ... chcchzzzz ... keine Ahnung.« Er ließ die Taste los und unterstrich seine Ratlosigkeit mit einem großen Schulterheben.

Tanner schaute die immer noch da stehende Frau Hofmann an. »Die Gegensprechanlage gehört wohl zu jenen Kleinigkeiten der Hochsicherheitsanlage, die noch Probleme machen, wie?« Sie ließ ihn ein unverbindliches Lächeln sehen.

Er war nicht sicher, ob er den Arzt richtig verstanden hatte, und fragte nach.

»Sie meinen, Curare muss injiziert werden, damit es wirkt, Sie können aber keine Einstichstelle finden.« Von seiner Seite funktionierte die Kommunikationsanlage offenbar, denn Bernstein nickte lebhaft als Antwort.

»Und nun?«

Mit Gesten und breitem Grinsen gab ihm Bernstein zu verstehen, dass er selbst jetzt Feierabend habe und Tanner sich gefälligst an die Arbeit machen solle.